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Kreislauf | Zeichen | Beziehungen: Basics / Paradigmatik / Gleichzeitigkeit | Schach | Sprachwandel |
"Unter allen Vergleichen, die sich ausdenken lassen, ist am schlagendsten der zwischen dem Zusammenspiel der sprachlichen Einzelheiten und einer Partie Schach. Hier sowohl als dort hat man vor sich ein System von Werten, und man ist bei ihren Modifikationen zugegen. Eine Partie Schach ist gleichsam die künstliche Verwirklichung dessen, was Sprache in ihrer natürlichen Form darstellt." (S. 104f.) | |
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"Wir wollen das etwas näher betrachten. Zunächst entspricht ein Zustand beim Spiel sehr wohl einem Zustand der Sprache. Der Wert der einzelnen Figuren hängt von ihrer jeweiligen Stellung auf dem Schachbrett ab, ebenso wie in der Sprache jedes Glied seinen Wert durch sein Stellungsverhältnis zu den andern Gliedern hat." (S. 105) |
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"Zweitens ist das System immer nur ein augenblickliches; es verändert sich von einer Stellung zur andern. Allerdings hängen die Werte auch und ganz besonders von einer unveränderlichen Übereinkunft ab: nämlich der Spielregel, welche vor Beginn der Partie besteht und nach jedem Zug bestehen bleibt. Diese ein-für allemal anerkannte Regel besteht auch in sprachlichen Dingen; es sind die feststehenden Grundsätze der Semeologie." (S. 105) |
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"Endlich genügt für den Übergang von einem Gleichgewichtszustand zum andern oder, gemäß unserer Terminologie, von einer Synchronie zur andern die Versetzung einer einzigen Figur; es findet kein allgemeines Hinundherschieben statt. Hier haben wir das Gegenstück zum diachronischen Vorgang mit allen seinen Einzelheiten. Das stimmt genau, denn
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"Bei einer Partie Schach hat jede beliebige Stellung die Besonderheit, daß sie von den vorausgehenden Stellungen völlig losgelöst ist; es ist ganz gleichgültig, ob man auf diesem oder jenem Wege zu ihr gelangt ist; derjenige, der die ganze Partie mit angesehen hat, hat nicht den leisesten Vorteil vor dem, der neugierig hinzukommt, um im kritischen Moment die Stellung auf dem Schachbrett zu überblicken; um diese Stellung zu beschreiben, ist es ganz unnütz, zu berichten, was auch nur zehn Sekunden vorher sich abgespielt hat. All das findet in genau gleicher Weise auf die Sprache Anwendung und bestätigt den tiefgehenden Unterschied zwischen dem Diachronischen und dem Synchronischen. Das Sprechen operiert immer nur mit einem Sprachzustand, und die Veränderungen, die zwischen diesen Zuständen eintreten, haben an sich keine Geltung beim Sprechen." (S. 105f.) |
"Nur an einem Punkt ist dieser Vergleich unrichtig: Der Schachspieler hat die Absicht, eine Umstellung vorzunehmen und auf das System einzuwirken, während dagegen die Sprache nichts voraus überlegt; die Figuren, die in ihr mitspielen, verändern ihre Stellung spontan und zufällig, oder vielmehr: sie verändern sich selbst; der Umlaut von Hände für hanti, von Gäste für gasti usw. (…) hat eine neue Pluralbildung hervorgebracht, aber er hat auch eine Verbalform wie trägt für tragit entstehen lassen. Wenn das Schachspiel in jeder Hinsicht dem Spiel der Sprache entsprechen sollte, müßte man einen Spieler ohne Bewußtsein oder ohne Intelligenz annehmen." (S. 106) | |
Saussure, Ferdinand de (19672) Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin: de Gruyter |
W. Grießhaber 2003-2005 |