Strukturalismus-Icon Saussure: assoziative / paradigmatische Beziehungen


Allgemein

Syntagmatische Abhängigkeitsverhältnisse: "fast alle Einheiten der Sprache hängen ab entweder von dem, was sie in der gesprochenen Reihe umgibt, oder von den aufeinanderfolgenden Teilen, aus denen sie selbst zusammengesetzt sind.
Das läßt sich schon an der Wortbildung zeigen. Eine Einheit wie schmerzlich läßt sich zerlegen inzwei Untereinheiten (schmerz-lich), aber diese sind keine unabhängigen Teile, die bloß aneinandergehängt sind (schmerz + lich), sondern die Einheit ist ein Produkt, eine Verbindung zweier voneinander abhängiger Bestandteile, die nur einen Wert haben vermöge ihrer gegenseitigen Wirkung in einer übergeordneten Einheit (schmerz x lich). Das Suffix für sich alleingenommen hat keine Existenz; (…). Der Stammbestandteil andererseits ist auch nichts für sich Bestehendes; er besteht nur vermöge seiner Verbindung mit einem Suffix; (…)
Das Ganze hat einen Wert vermöge seiner Teile. Die Teile haben ebenfalls einen Wert kraft ihres Platzes im Ganzen, und deshalb ist die Anreihungsbeziehung des Teils zum Ganzen ebenso wichtig wie die der Teile unter sich" (S. 152f.)

 

Gleichzeitige Wirkung

"… die Zusammenordnung im Raum wirkt an der Schaffung assoziativer Zuordnungen mit, und diese ihrerseits sind nötig für die Analyse der Teile der Anreihung." (S. 153)

Bei dem Kompositum ab-reißen entspricht der Pfeil im grünen Band der gesprochenen syntagmatischen Reihe; gleichzeitig existiert auf der paradigmatischen Achse eine oder mehrere assoziative Reihen, deren Einheiten ein Element mit der Anreihung gemeinsam haben, z.B.: (S. 154)

 
 

Gleichzeitige Beziehungen

  
 

Prinzip

"Dieses Prinzip läßt sich anwenden auf Syntagmen und Sätze aller Typen, sogar auf die kompliziertesten. In dem Augenblick, wo wir den Satz: was hat er zu dir gesagt? aussprechen, ändern wir einen Bestandteil in einem latenten syntagmatischen Typus was hat er zu euch gesagt? usw., und so kommt es, daß unsere Wahl auf das Pronomen dir trifft. Bei dieser Tätigkeit, die darin besteht, im Geiste all das zu beseitigen, was die gewollte Differenzierung nicht auf den gewollten Punkt hinleitet, sind also sowohl die assoziativen Gruppen als die syntagmatischen Typen im Spiel." (S. 155)


Modell für Übungen:

Die Ersetzbarkeit einzelner Glieder einer paradigmatischen Kette bildet in der → Fremdsprachdidaktik die Grundlage für viele Übungen. Im Zentrum dieser Übungen steht nicht, wie es vielleicht scheinen könnte, die Erweiterung des Wortschatzes, sondern die Festigung grammatischer Strukturen. In dem von Saussure im obigen Beispiel formulierten Sinn wird die gegenseitige Abhängigkeit von syntagmatischer Reihung und paradigmatisch assoziativer Wahl zur Grammatikvermittlung genutzt.


Literatur

Saussure, Ferdinand de (19672) Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin: de Gruyter