DVG-Icon Dependenz-Verb-Grammatik (DVG):
deutsch - türkisches Valenzwörterbuch (Ozil 1990)


Da die Valenzen der Verben sprachspezifisch sind und sich in einzelnen Sprachen unterscheiden, bietet sich das Verfahren für sprachvergleichende Arbeiten und die Fremdsprachvermittlung an. Selbst zwischen relativ nah verwandten Sprachen wie Deutsch und Französisch sind markante Unterschiede in den Valenzen festzustellen.

Noch deutlicher zeigen sich die Unterschiede beim Vergleich typologisch weit entfernter Sprachen, wie z.B. zwischen Deutsch und Türkisch. Hier stellt sich die Frage, ob überhaupt die Valenzklassen in den Sprachen vergleichbar sind, oder ob nicht unterschiedliche Valenzklassen anzunehmen sind.

Ozil 1990 nimmt als Grundlage ihres zweisprachigen Valenzwörterbuches die Grammatik von Engel 1988 und dessen Klassifikation der Ergänzungsklassen. Diesen am Deutschen gewonnenen Klassen ordnet sie dann entsprechende Ergänzungsklassen des Türkischen zu. Dem deutschen Verbativergänzungssatz entspricht dabei keine türkische Ergänzungsklasse.


Deutsch

Deutsch

Tuerkisch

Türkisch

0

Subjektergänzung

0

Subjektergänzung

1

Akkusativergänzung

1

Ergänzung im i-Fall

2

Genitivergänzung

2

Ergänzung mit Genitivkonstruktion

3

Dativergänzung

3

Ergänzung im e-Fall

4

Präpositivergänzung

4

Ergänzung mit ile-Konstruktion

5

Situativergänzung

5

Ergänzung im de-Fall

6

Direktivergänzung

6

Ergänzung im den-Fall

7

Einordnungsergänzung

7

Nominalergänzung

8

Adjektivalergänzung

8

Adjektivalergänzung

9

Verbativergänzungssatz

  

Die Problematik von Ozils Vorgehen zeigt sich z.B. bei den lokalen Ergänzungsklassen (s. Grießhaber 1999). Im Deutschen fallen bei der Direktivergänzung zielgerichtete und ursprungsbestimmte lokale Äußerungen in eine Klasse (Der Zug fährt nach Bonn., Der Zug kommt aus Göttingen.; → Kompaktdarstellung). Im Türkischen sind diese elementar-lokalen Beziehungen dagegen mit eigenen Kasus in getrennten Ergänzungsklassen (Tren Bonn'a gider., Tren Göttingen'den gelir.). Es hätte sich also angeboten, eine vom Türkischen ausgehende Klassenbildung zu suchen - allerdings wäre damit auch die Parallelität der Ergänzungsklassen entfallen. Die untenstehende Tabelle zeigt die elementar-lokalen Beziehungen des Türkischen:


Beziehung

Deutsch Deutsch

Tuerkisch Türkisch

(a) Ursprungsbestimmt

woher?

von / aus+Dat

nereden?

-den hali

(b) Statisch

wo?

in+Dat / um+Akk

nerede?

-de hali

(c) Direktiv

wohin?

in+Akk / zu+Dat

nereye?

-e hali


Die DVG erweist sich also durchaus als ziemlich sprachspezifisch. Zum direkten Vergleich typologisch entfernter Sprachen ist sie nicht ausreichend. Die unterschiedlichen Ergänzungsklassen können in der Sprachvermittlung jedoch dazu genutzt werden, den Blick für die jeweils sprachspezifischen Abhängigkeitsstrukturen zu schärfen.


Literatur

Engel, Ulrich (1988) Deutsche Grammatik. Heidelberg: Groos
(KVL) Engel, Ulrich & Schumacher, Helmut (19782) Kleines Valenzlexikon deutscher Verben. Tübingen: Narr
Grießhaber, Wilhelm (1999) Die relationierende Prozedur. Zu Grammatik und Pragmatik lokaler Präpositionen und ihrer Verwendung durch türkische Deutschlerner. Münster/New York: Waxmann
Ozil, Seyda (1990) Valenzwörterbuch deutsch-türkisch. Degerlilik Sözlügü Almanca-Türkçe. Hamburg: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit 38/90
Schumacher, Helmut & Kubczak, Jacqueline & Schmidt, Renate & de Ruiter, Vera (2004) VALBU - Valenzwörterbuch deutscher Verben. Tübingen: Narr
Wahrig, Gerhard (Hg.) (1978) dtv-Wörterbuch der deutschen Sprache. München: dtv
Weitere Literatur