Profil-Logo Profilanalyse: Grundlagen kompakt


Grundlage

Längsschnittstudien L1-Erwerb (Clahsen) und L2-Erwerb kindlicher (Pienemann 1981, 1998) und erwachsener Lerner (Clahsen 1985, Clahsen u.a. 1983)

 

Erwerbsstufen

Variationen der Lernersprache

 

individuell → variierende Erwerbsschritte (z.B. Kopula)
⇒ nicht relevant zur Sprachstandsdiagnose

lernerunabhängige, → invariante Stufen (insbesondere Verbstellung)
Erwerbsstufen als Grundlage der Sprachstandsermittlung

Stufen nach Pienemann

X

 

Kanonische Wortstellung Subjekt - Verb - Objekt

X+1

ADV

Adverb Voranstellung erweitert die Ausdrucksmöglichkeiten,
die damit verbundene Inversion von Subjekt und Finitum wird erst später erworben, die Äußerungen sind fehlerhaft

X+2

SEP

Separation finiter und infiniter Verbteile

X+3

INV

Inversion von finitem Verbteil und Subjekt

 

Diehl et al. 2000 ermitteln in schriftlichen Texten Deutsch als Fremdsprache in der Sekundarstufe eine Vertauschung von Inversion und Verbendstellugn im Nebensatz.

 

Steuerung

Unterricht kann nicht über mehr als eine Stufe helfen, mehr bewirkt Verunsicherung und Rückschritte (→ Pienemann 1986, 1998)

 

Prozesse

Sprachpsychologische Verarbeitungskomplexität steuert den L2-Erwerb:

  1. S V O entspricht psychologischer Strukturierung actor - action - object
     
  2. Strukturaneignung über Manipulation von Randelementen (→ Slobin):
    Adverb-Voranstellung dreht Folge actor - action um
    Separation spaltet die im Verb kodierte action auf
     
  3. Aufbrechen von Ketten durch Bewegung von Elementen in hervorgehobene Positionen
     
  4. Strukturen (gramm. Regeln) entwickeln sich auf der Basis erworbener Ausdrucksmittel (→ Konnexionismus, Wong-Fillmore)

Pragmatik

Es gibt deutliche → Zusammenhänge (Grießhaber 2004-2005) zwischen

  • den wortstellungsbasierten Erwerbsstufen und
  • dem Wortschatz
  • den sprachlichen Mitteln
  • Mitteln der Literalität in Lernertexten (Grießhaber 2009)

Diagnosestufen


Untergeordnete
Sätze

Stufe

Prä-V2

Finitum (V2)

Post-V2 - Mittelfeld

Infinitum

SER

Nachfeld

stufe4

6

Eva

hat

das [ von Peter empfohlene ] Buch

ausgelesen

.

 

 

Relativpronomen

Mittelfeld

(VF) - Finitum

 

 

stufe4

5

…, das

 

ihr so gut

gefiel

,

ausgelesen.

 

Subjunktion

Subjekt

Post-V2 - Mittelfeld

(VF) - Finitum

 

 

stufe4

4

…, dass

er

so schwarz

ist

.

 

 


Hauptsatz

Stufe

Prä-V2

Finitum (V2)

Post-V2 - Mittelfeld

Infinitum

SER

Nachfeld

stufe3

3

Dann

brennt

die

 

.

 

stufe2

2

Der Nikolaus

hat

das

gesagt

.

 

stufe1

1

Ich

versteh

 

 

.

 

stufe0

0

anziehn Ge/

Modifikationen &
Erweiterungen


 

Erweiterungen von Grießhaber 2006-2009:

  • neue Stufe 6: Einfügung eines Erweiterten Partizipialattributs (EPA) links von einem Substantiv:
    dieses Strukturmuster ist typisch für Fachtexte
     
  • neue Stufe 5: Insertion eines Nebensatzes in ein Satzgefüge:
    dieses Strukturmuster ist typisch für fortgeschrittene Lerner auf der Sekundarstufe II
     
  • Konsequenz:
    Profilbogen-G für die Grundschule bis Stufe 4 → PDF-Datei Grundschule
    Profilbogen-S für die Sekundarstufe → PDF-Datei Sekundarstufe

 

Veränderungen von Clahsen 1985 und Grießhaber 2004 gegenüber Pienemann 1986:

  • Nebensatzstrukturen mit Endstellung des Finitums (Stufe 4), sollte schriftlich am Ende der Grundschule erreicht sein
  • Adverbvoranstellung (X+1) ohne Inversion keine eigene Stufe
  • Stufe 1 bestimmt durch einfache Äußerungen mit Finitum
  • Vorstufe 0 bruchstückhafter Äußerungen ohne Finitum
 

Prinzipien:

  • Abstraktion von unkorrekt flektierten Formen, die bei den vielen und unregelmäßigen Formen wenig aussagekräftig sind
  • Konzentration auf positive Erfassung geäußerter Strukturen
  • Wortschatz wird nur indirekt über die erreichten Strukturen berücksichtigt
  • Differenzierung vor allem im Anfangsbereich, später zu grob
  • Hinweise auf Problembereiche:
    ⇒ stufenbezogene didaktische Konsequenzen ableitbar
 

Konsequenzen:

  • Orientierung der → Grammatikvermittlung an den Erwerbsstufen
  • auf keinen Fall Grammatik um jeden Preis durchziehen wollen
  • Bewertung / Benotung nicht nach Formfehlern, sondern in Relation zu den Erwerbsphasen
  • Keine didaktisch gefliterte, sondern 'natürliche' Sprache
    Diehl u.a. 2000

Literatur

Clahsen, Harald (1985) Profiling second language development: A procedure for assessing L2 proficiency. In: Hyltenstam, K. & Pienemann, M. (eds.) Modelling and Assessing Second Language Acquisition. Clevedon: Multilingual Matters, 283-331
Clahsen, Harald & Meisel, Jürgen M. & Pienemann, Manfred (1983) Deutsch als Zweitsprache: Der Spracherwerb ausländischer Arbeiter. Tübingen: Narr
Diehl, Erika et al. (2000) Grammatikunterricht: Alles für der Katz? Untersuchungen zum Zweitsprachenerwerb Deutsch. Tübingen: Niemeyer
Elsen, Hilke (1999) Ansätze zu einer funktionalistisch-kognitiven Grammatik. Konsequenzen aus Regularitäten des Erstspracherwerbs. Tübingen: Niemeyer
Grießhaber, Wilhelm (2002) Zum Verfahren der Sprachprofilanalyse. → http://spzwww.uni-muenster.de/~griesha/dpc/profile/profilhintergrund.html
Grießhaber, Wilhelm (2005) Sprachstandsdiagnose im Zweitspracherwerb: Funktional-pragmatische Fundierung der Profilanalyse. (erscheint in: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit)
Grießhaber, Wilhelm (2006) Die Entwicklung der Grammatik in Texten vom 1. bis zum 4. Schuljahr. In: Ahrenholz, B. (Hg.) Kinder mit Migrationshintergrund - Spracherwerb und Fördermöglichkeiten. Freiburg i.B.: Fillibach, 150-167
Grießhaber, Wilhelm (2006) Lernende unterstützen: die Profilanalyse als didaktisch nutzbares Werkzeug der Lernersprachenanalyse. Münster: WWU Sprachenzentrum, → PDF-Datei PDF-Datei
Grießhaber, Wilhelm (2006) Endbericht der wissenschaftlichen Begleitung, März 2006. Projekt "Deutsch und PC". Münster: WWU Sprachenzentrum
Grießhaber, Wilhelm (2007) Grammatik und Sprachstandsermittlung im Zweitspracherwerb. In: Köpcke, Klaus-Michael & Ziegler, Arne (Hgg.): Grammatik in der Universität und für die Schule. Theorie, Empirie und Modellbildung. Tübingen: Niemeyer, 185-198
Grießhaber, Wilhelm (2007) Zweitspracherwerbsprozesse als Grundlage der Zweitsprachförderung. In: Ahrenholz, Bernt (Hg.) Deutsch als Zweitsprache - Voraussetzungen und Konzepte für die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migratinshintergrund. Freiburg i.Br.: Fillibach, 31-48
Grießhaber, Wilhelm (2008) Zu den Bedingungen der Förderung in Deutsch als Zweitsprache. In: Ahrenholz, Bernd (Hg.) (2008) Zweitspracherwerb. Diagnosen, Verläufe, Voraussetzungen. Beiträge aus dem 2. Workshop Kinder mit Migrationshintergrund. Freiburg i.B.: Fillibach, 211-227
Grießhaber, Wilhelm (2009) L2-Kenntnisse und Literalität in frühen Lernertexten. Münster: WWU Sprachenzentrum. (erscheint in Ahrenholz, Bernt Hg.))
Pienemann, Manfred (1981) Der Zweitspracherwerb ausländischer Arbeiterkinder. Bonn: Bouvier
Pienemann, Manfred (1986) Is language teachable? Psycholinguistic experiments and hypotheses. In: Australian Working Papers in Language Development 1.3/86 (auch: Hamburg: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit 21/87), 52-79
Pienemann, Manfred (1998) Language Processing and Second Language Development: Processability Theory. Amsterdam: Benjamins
Slobin, Dan I. (1974) Kognitive Voraussetzungen der Sprachentwicklung. In: Leuninger, H. & Miller, M. H. & Müller, F. (Hgg.) Linguistik und Psychologie. Ein Reader. Band 2: Zur Psychologie der Sprachentwicklung. Frankfurt/M.: Fischer Athenäum, 122-165
Wong-Fillmore, Lily (1979) Individual differences in second language acquisition. In: Fillmore & Kempler & Wang (eds.) Individual Differences in Language Ability and Language Behavior. New York: Academic Press, 203-228.
weitere Literatur