L2-Erwerb: Lernersprachenanalyse (Corder 1967)


Ausgangspunkt der Überlegungen:

  • Notwendig ist ein Wechsel von der Lehrperspektive auf die Lernperspektive
  • Bezug zu L1-Erwerbsprozessen & L1-Erwerbsforschung
  • Unterschiede zwischen L1 - L2-Erwerb:
    • L1-Erwerb ist im Gegensatz zum L2-Erwerb unvermeidlich
    • L1-Erwerb ist Teil des gesamten Reifungsprozesses, während der L2-Erwerb in der Regel nach vollendetem Reifungsprozeß einsetzt
    • das Kind beginnt im Unterschied zum L2-Lerner ohne erkennbares Sprachhandeln
    • die Motivation zum L1-Erwerb ist grundsätzlich verschieden von der L2-Erwerbsmotivation
  • Zentrale Frage: inwieweit können L1-Erwerbsprozesse auf L2-Erwerbsprozesse übertragen werden?

Annahmen zur Universalität von Spracherwerbsprozessen

  • Annahme der Gleichheit der Prinzipien des L1- & L2-Erwerbs:
  • Annahme eines 'built-in syllabus' als internem mentalem Mechanismus
  • behavioristische Lerntheorien und Transfer aus L1 spielen keine wesentlichen Rollen
  • Hypothesenaufstellen & -testen als zentrale Erwerbsmechanismen

Neue Rolle der Fehler im L2-Erwerb:

  • Fehler sind nicht mehr - wie im behavioristischen Modell - Anzeichen eines fehlerhaften, mißlungenen Lernprozesses, sondern Ergebnis eines Prozesses im Lerner
  • Fehler sind durch die Struktur der zu erwerbenden Sprache bestimmt
  • Unterschied zwischen 'mistake' ↔ 'error':
    • 'mistakes' sind unsystematische fehlerhafte Äußerungen, die auch in der L1 auftreten (Unkonzentriertheit, Begrenztheit des Gedächtnisses, …)
      'mistakes' sind im L2-Erwerbsprozeß irrelevant
    • 'errors' sind systematische fehlerhafte Äußerungen, die dem jeweiligen Spracherwerbsstand und den Annahmen des Lerners über die Sprache entsprechen
      'errors' sind zur Erforschung des L2-Erwerbs relevant, sie erlauben die Rekonstruktion der Kenntnisse des Lerners, seiner 'transitional competence'
  • Bedeutung der 'errors' für die L2-Erforschung:
    • sie sagen dem Lehrer, wie weit der Lerner gekommen ist und was noch zu lernen bleibt
    • sie versorgen den Forscher mit Evidenzen, wie Sprache gelernt oder erworben wird, welche Strategien oder Prozeduren der Lerner anwendet
    • sie sind für den Lerner selbst unverzichtbar, da das Fehlermachen das Verfahren zum Sprachlernen ist; es ist der Weg des Hypothesentestens über die Natur der Sprache
  • die Verwendung korrekter Formen bedeutet nicht, daß die zugrundeliegende Regel erworben wurde

Literatur

Corder, S. Pit (1967) The significance of learners' errors. In: IRAL 5/1967, 161-170