ZSE Modelle Kompensatorische Ressourcennutzung (Grießhaber 2002-2009)


Kompensatorische Ressourcennutzung im ZSE

Erwachsene (Lerner über 12 Jahre) kompensieren die in der Regel beim L2-Erwerb nicht mehr verfügbaren mentalen Ressourcen des L1-Erwerbs durch andere Ressourcen. Die kompensatorische Aktivierung von Ressourcen bedingt breite Variationen bezüglich des Tempos und der Tiefe der Erwerbsprozesse. Der Fortschritt des L2-Erwerbs wird entscheidend von den kommunikativen Bedürfnissen der Lernenden bestimmt. Bei Sättigung der kommunikativen Bedürfnisse kann es zum Stillstand des L2-Erwerbs oder zu Rückschritten kommen. Unterschiedliche individuelle Merkmale der Zweitsprachlerner und unterschiedliche Lehr- und Lernformen beeinflussen die Erwerbsprozesse in hohem Maße. Die Lernersprache ist durch die unterschiedliche Funktionalität der sprachlichen Mittel in L1 und L2 geprägt.

Regelerwerb erfolgt durch Extraktion von Mustern aus den erworbenen zweitsprachlichen Mitteln: in einer → Längsschnittstudie über vier Jahre Grundschule verwenden die zehn SpitzenschülerInnen doppelt so viele syntaktische Segmente wie die schlechtesten zehn SchülerInnen; gleichzeitig machen die SpitzenschülerInnen nur einen Bruchteil der Fehler im Bereich der Nominalflexion, die die schlechtesten SchülerInnen machen.[9]


Prozessierung der L1 / L2 im Gehirn

ab ∼6 Jahren bilden sich für L2 zusätzliche Verarbeitungszentren im Gehirn aus

Prozessierung von L1 & L2 [1]

L1

L2: weitere & weniger Bereiche

linke Hälfte

L1 integrierte Bereiche L2 zusaetzliche Bereiche

rechte Hälfte

L1 integrierte Bereiche L2 zusaetzliche Bereiche

L2-Erwerb

bis ∼6 Jahre

ab ∼6 Jahre

grammatische Zentren im Broca Areal für L1 & L2 bei Erwachsenen in Abhängigkeit vom Alter des L2-Erwerbs [2]

integriert
 
integrierte Bereiche

separiert
 
separierte Bereiche


Prozessierung der Artikulation [3]

 

zusätzlich Basalganglien


Schlußfolgerungen: Die Befunde aus neueren Forschungen zur Lokalisierung von Sprachverarbeitungszentren im Gehirn erklären zwar noch nicht, wie genau Sprache verarbeitet wird, folgende Beobachtungen helfen bei der Erklärung altersbedingt individuell sehr unterschiedlicher Erfolge im L2-Erwerb:

  • ab etwa 6 Jahren bilden sich für eine weitere Sprache, die erworben wird, eigene Verarbeitungszentren zur Prozessierung grammatischer Informationen heraus:
    in der linken Hälfte sind für die L2 sowohl zusätzliche als auch weniger Areale beteiligt als für die L2; in der rechten Hälfte sind weniger Areale für die L2 beteiligt [1];
    die Grammatikzentren bei späterem L2-Erwerb sind für die beiden Sprachen getrennt, während sie bei praktisch simultanem L1- & L2-Erwerb im wesentlichen integriert sind [2]
  • die Artikulation in einer später erworbenen L2 aktiviert zusätzliche Areale im Hippocampus, der für die Prozessierung sehr kurzer Impulse (Bewegungen, Gleichgewicht) optimiert ist [3], vgl. [4]
  • Neuere Forschungen zeigen, daß Bereiche, die eigentlich auf die Prozessierung besonderer Informationen spezialisiert sind, in relativ kurzer Zeit Aufgaben übernehmen können, für die eigentlich andere Bereiche spezialisiert sind:
    ältere Menschen können bei Gedächtnisaufgaben altersbedingte Leistungseinbußen durch Aktivierung zusätzlicher Reserven ausgleichen - unter zusätzlicher Belastung sinkt dadurch jedoch die Leistungsfähigkeit gegenüber Jüngeren ab [5];
    Bei Schädigungen des Sehzentrums können andere Bereiche, z.B. das Hörzentrum, Aufgaben des Sehzentrums übernehmen [6], [7]

Die Ergebnisse lassen sich dahin gehend zusammenfassen, daß etwa ab 6 Jahren beim Erwerb einer weiteren Sprache andere Gehirnbereiche involviert sind als die, die beim L1-Erwerb beteiligt sind. Die offensichtlich nicht mehr zur Verfügung stehenden Leistungen der für Spracherwerb optimierten Bereiche werden - wie in anderen Fällen - durch die zusätzliche Aktivierung von anders spezialisierten Bereichen kompensiert. Diese Kompensierung erfolgt offensichtlich individuell sehr unterschiedlich. Dadurch läßt sich erklären, daß Motivation, Lerneignung usw. im L2-Erwerb eine bedeutende Rolle spielen. [8], [10]


Literatur

[01] Sandmeyer, Peter (1999) Was Hänschen nicht lernt … lernt Hans nimmermehr. In: stern 15.04.99; Nr. 16/99, 80-82
[02] Kim, Karl H. S. & Relkin, Norman R. & Lee, Kyoung-Min & Hirsch, Joy (1997) Distinct cortical areas associated with native and second languages. In: Nature 388/10. July 97, 171-174
[03] Degen, Rolf (1999) Fließende Grenzen der Sprachen im Gehirn. In: FAZ 06.10.99
[04] Heck, Detlef & Sultan, Fahad (2001) Das unterschätzte Kleinhirn. In: Spektrum der Wissenschaft 10/01, 36-44
[05] gen (2001) Reserven im alten Gehirn. Mobilisierung zusätzlicher Regionen gleicht Einbußen aus. In: FAZ 17.10.01, Nr. 241, N3
[06] Degen, Rolf (2001) Wenn Hören in Sehen aufgeht. Sehzentrum rasch umfunktioniert / Sinnesmodalitäten offenbar nicht streng voneinander getrennt. In: FAZ 31.10.01, Nr. 253, N3
[07] Schramm, Stefanie (2005) Orten mit den Ohren. Blinde hören besser, wenn die Sehrinde im Gehirn aktiv wird. In: FAZ 31.01.05 Nr. 25
[08] Grießhaber, Wilhelm (2002) Erwerb und Vermittlung des Deutschen als Zweitsprache. In: Deutsch in Armenien Teil 1: 2001/1, 17-24; Teil 2: 2001/2, 5-15 Jerewan: Armenischer Deutschlehrerverband; → PDF-Datei PDF-Datei
[09] Grießhaber, Wilhelm (2006) Die Entwicklung der Grammatik in Texten vom 1. bis zum 4. Schuljahr. In: Ahrenholz, B. (Hg.) Kinder mit Migrationshintergrund - Spracherwerb und Fördermöglichkeiten. Freiburg i.B.: Fillibach, 150-167
[10] Grießhaber, Wilhelm (2009) Kompensatorische Ressourcennutzung im L2-Erwerb. In: Schramm, Karen & Schröder, Christoph (Hgg.) Empirische Zugänge zu Spracherwerb und Sprachförderung in Deutsch als Zweitsprache. Münster u. New York: Waxmann, 111-129
[11] Hobom, Barbara (2007) Wechselnde Zuständigkeiten für Sprache im Gehirn. Aphasie nach Schlaganfällen: Überraschende Reorganisation von neuronalen Netzwerken. In: FAZ 11.07.07 Nr. 158, N1
[12] Kramer, Katharina (2006) Mehrsprachigkeit: Wie werde ich ein Sprachgenie? Wer fließend in vielen Zungen reden will, sollte bereits als kleines Kind mit ihnen zu tun bekommen: Denn junge Gehirne behandeln jede Sprache als Muttersprache. In: Gehirn & Geist 3/06, 38-41
[13] Meisel, Jürgen (2009) Second Language Acquisition in Early Childhood. Resources to Sustain or Remove Epistemic Asymmetry. In: ZfS 28,01/09, 5-34
Revisting Child Second Language Acquisition: Rejoinder to Commentaries. In: ZfS 28,01/09, 107-120

www

"http://www.stern.de/wissenschaft": interessante Informationen zur Serie "Hirnforschung", stern 25-27/2002