ZSE Zweitspracherwerb im Grundschulalter: Überblick (Grießhaber 2002-2007)



Terminologie

 
  • L1/NL: Erstsprache, Ausgangssprache, Muttersprache, Native Language
  • L2/TL: Erwerb einer weiteren Sprache nach L1-Erwerb; neutral: Zielsprache/Target Language
    nach der Sprachumgebung: Zweitsprache im Zielsprachland - Fremdsprache im Ausgangssprachland
  • IL: Interlanguage, Interimsprache, Sprache von Lernern im L2-Erwerb
 

Grundlagen

 
  • L1-Erwerb: 'stabile' Erwerbsstufen ⇒ führt in der Regel zur Muttersprachbeherrschung
     
  • L2-Erwerb: unterschiedliche Verläufe ⇒ extrem unterschiedliche Niveaus:
     
    • L2-abhängige, feste, individuell invariante Erwerbsstufen - z.B. dt. Wortstellung
    • innerhalb der Stufen individuell variable Verläufe - z.B. Weglassen der Kopula
    • Erwerbsverläufe → U-förmig?: ging - gehte - ging
    • individuell ungleichförmige Verläufe mit Stagnation und Rückschritten
       
  • Erwerbskonstellationen (Familie, Lerner, Institutionen) & Alter
 

Erklärungsansätze

 
  • Komp.-Ressourcennutzung Gehirn, Alter, Sprache & Gesellschaft: kompensatorische Ressourcennutzung (Grießhaber):
    • bis ∼ 6 Jahre: gleiche Gehirnareale für beide Sprachen
    • danach: (a) zusätzliche Areale für die L2 und (b) geringere Nutzung von L1-Arealen
    • Kompensation spezieller Spracherwerbsressourcen durch andere Ressourcen: → Variation
    • Zielsprache bedingt bestimmte Erwerbsstufen → Profilanalyse
    • Musterextraktion mit wachsender → Menge erworbener L2-Mittel
       
  • Interlanguage-Logo Psychische Ressourcen & StrategienInterlanguagehypothese (Selinker):
    • latente Psychostruktur statt latenter Sprachstruktur
    • Aufstellen & Testen von Hypothesen, Anpassung an L2
    • überdauernde Fossilisierung (Versteinerung) erworbener Einheiten
       
  • Goofy-Logo Zielsprache als bestimmende Größe → Identitätshypothese L2=L1 (Dulay & Burt):
    • angeborene Spracherwerbsmechanismen (LAD, Chomsky), 'creative construction'
    • Erwerbsstrategien: Übergeneralisierung, Minimierung grammat. Feinheiten
       
  • Behaviorismus-Logo Verhältnis L1 zu L2Kontrastivhypothese (Lado):
    • Imitation (Behaviorismus) als zentraler Erwerbsmechanismus
    • Transfer von L1 ⇒ L2: neg. Interferenz bei Unterschieden
 

Cummins Interdependenz Schulerfolg & L2-Erwerbsbedingungen

 
 

Syntaxprofil Sprachstandsermittlung: Profilanalyse

 
 

Sprachförderung in der Grundschule

 
  • Lieder und Reime: unterstützen das Memorieren, lenken die Aufmerksamkeit auf Endreim bei Variation grammatischer Strukturen
  • Actionrhymes: Lernen mit Kopf, Herz und Hand
  • Zungenbrecher: Förderung der Artikulation und der Merkfähigkeit
  • Vorlesen aus Büchern: Erfahrung der Speicherfunktion der Schrift, standardnahe Artikulation und deutliche Mundstellung unterstützen den Erwerb
  • formale Grammatik- oder Wortschatzübungen frustrieren und sind weitgehend wirkungslos

Literatur

Grießhaber, Wilhelm (2002) Erwerb und Vermittlung des Deutschen als Zweitsprache. In: Deutsch in Armenien. Teil 1: 2001/1, 17-24; Teil 2: 2001/2, 5-15. Jerewan: Armenischer Deutschlehrerverband → PDF-Datei PDF-Datei
Grießhaber, Wilhelm (2005) Sprachstandsdiagnose im Zweitspracherwerb: Funktional-pragmatische Fundierung der Profilanalyse. (erscheint in: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit; → PDF-Datei PDF-Datei)
Grießhaber, Wilhelm (2006) Testen nichtdeutschsprachiger Kinder bei der Einschulung mit dem Verfahren der Profilanalyse - Konzeption und praktische Erfahrungen. In: Ahrenholz, B. & Apeltauer, E. (Hgg.) Zweitspracherwerb und curriculare Dimensionen. Empirische Untersuchungen zum Deutschlernen in Kindergarten und Grundschule. Tübingen: Stauffenburg, 73-90
Grießhaber, Wilhelm (2006) Die Entwicklung der Grammatik in Texten vom 1. bis zum 4. Schuljahr. In: Ahrenholz, B. (Hg.) Kinder mit Migrationshintergrund - Spracherwerb und Fördermöglichkeiten. Freiburg i.B.: Fillibach, 150-167
Lightbown, Patsy M. & Spada, Nina (20063) How Languages Are Learned. Revised Edition. Oxford: Oxford University Press; weitere Literatur