ZSE UG: ZSE / Deutscherwerb türk. Grundschüler (Felix 1993) Resümee


In Abschnitt 19.3 haben wir dargelegt, daß die von Nehr et al. postulierte Beziehung zwischen Alphabetisierung und Schriftspracherwerb im wesentlichen auf einer begrifflichen Verwechslung von Sprachregister bzw. Stilvarietät und sprachlichem Übertragungsmedium beruht. Sofern der Begriff Schriftsprache im Sinne des Übertragungsmediums - also geschriebene Sprache - verstanden wird, ist Nehr et al.'s These eine Trivialität: d.h. wer nicht lesen und schreiben kann, kann natürlich auch nicht geschriebene Sprache rezipieren. Wird Schriftsprache hingegen als Stilvarietät verstanden, so ist Nehr et al.'s These empirisch falsch, da natürlich auch Sprachen ohne Verschriftungssystem über gehobene und formelle Stilvarietäten verfügen.

In Abschnitt 19.4 ging es um zwei zentrale Thesen in Nehr et al.'s Argumentationsgang. Einerseits wird behauptet, daß bei einem rein deutsch alphabetisierten türkischen Kind "die ohnehin nicht stabile Begriffsbildung in der Muttersprache abgebrochen wird" (S. 7) und andererseits, daß "die schulische Förderung der Muttersprache eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Erwerb der Zweitsprache ist" (S: 7). Im Hinblick auf die erste These haben wir gezeigt, daß hier wiederum eine unpräzise Terminologie zur Verwechslung von konzeptueller und semantisch-lexikalischer Struktur führt, so daß letztlich nichts anderes als eine Trivialität übrigbleibt. Die zweite These stößt in ihrer Absurdität schon dicht an die Grenze der Diskussionswürdigkeit und steht in krassem Widerspruch zu allem, was derzeit in der Psycholinguistik über spracherwerbliche Prozesse bekannt ist.

Zusammenfassend läßt sich also für den hier untersuchten Bereich konstatieren, daß die zweisprachige Alphabetisierung im Bereich des Orthographieerwerbs in ungünstigen Fällen eher hinderlich ist, ansonsten jedoch weder positive noch negative Auswirkungen hat. Im Bereich des Zweitspracherwerbs ist die zweisprachige Alphabetisierung weder hinderlich noch förderlich. Eher scheint ein gemischter Klassenverband - gegenüber der Regelklasse - für die türkischen Schüler einen leichten Erwerbsvorteil mit sich zu bringen; allerdings ist die empirische Evidenz hier nicht ganz eindeutig. Die konzeptuelle Basis des Berliner Schulversuchs steht - um es etwas salopp zu sagen - auf extrem wackeligen Beinen. Die postulierten Kausalzusammenhänge zwischen Alphabetisierung, Spracherwerb und kognitiver Entwicklung sind ohne empirische Substanz, widersprechen größtenteils dem derzeitigen Forschungsstand und basieren vielfach auf einem sehr unprofessionellen und undifferenzierten Begriffsapparat.

Angesichts dieser Evidenzlage stellt sich natürlich die Frage, was aus der vorliegenden Untersuchung im Hinblick auf eine Entscheidung darüber folgt, ob türkische Minderheitenkinder zweisprachig alphabetisiert bzw. erzogen werden sollen. Die Antwort ist relativ einfach: nichts."


Literatur

Felix, Sascha W. (1993) Psycholinguistische Unterschungen zur zweisprachigen Alphabetisierung. Gutachten im Auftrage der Berliner Senatsverwaltung für Schule, Berufsbildung und Sport. Berlin: Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung.
Nehr, Monika & Birnkott-Rixius, Karin & Kubat, Leyla & Masuch, Sigrid (1988) In zwei Sprachen lesen lernen - geht denn das? Erfahrungsbericht über die zweisprachige koordinierte Alphabetisierung. Weinheim: Beltz
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