Grundannahmen:
- Kognitive & sprachliche Entwicklung verlaufen nicht parallel;
- sprachliche Mittel sind unterschiedlich zugänglich
Operationelle Prinzipien des Spracherwerbs:
- Achte auf das Wortende
- Die phonologische Form von Wörtern kann systematisch verändert werden
- Beachte die Ordnung von Wörtern und Morphemen
- Vermeide die Unterbrechung oder Reorganisation sprachlicher Einheiten
- Zugrundeliegende semantische Relationen sollten offen und deutlich markiert sein
- Vermeide Ausnahmen
- Der Gebrauch grammatischer Markierungen sollte semantisch sinnvoll sein
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Grundannahmen
Kognitive und sprachliche Entwicklung verlaufen nicht parallel. Das Kind muß sprachliche Mittel finden, um seine Intentionen auszudrücken. Diese Mittel können leicht verfügbar (wie z.B. der ungarische Lokativ) oder fast unzugänglich sein (wie z.B. die Entscheidugnsfragen im Finnischen oder der Plural von Nomina im Arabischen). Die Problemstellung ist daher die folgende: Aufgrund welcher Faktoren ist ein gegebenes sprachliches Ausdrucksmittel dem Kind mehr oder weniger zugänglich?
Formuliert man das Problem in solchen Termini, dann unterstellt man eine weitgehend autonome Entwicklung von Intentionen zum Ausdruck verschiedenartiger semantischer Konzepte. Diese Annahme muß validiert werden, bevor Fragen der relativen Zugänglichkeit formaler sprachlicher Strukturen beantwortet werden, denn man könnte auch versuchen zu argumentieren, daß im Gegenteil die Grammatik eine führende Rolle in der kognitiven Entwicklung einnimmt. (S. 131)
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Operationelle Prinzipien
(A) Achte auf das Wortende
- Für jegliches semantisches Konzept werden grammatische Realisierungen in Form von Suffixen oder Postpositionen früher erworben als Realisierungen in Form von Präfixen oder Präpositionen." (S. 143)
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(B) Die phonologische Form von Wörtern kann systematisch verändert werden
Auf einer globalen Ebene lassen sich die drei Klassen solcher Bedingungen folgendermaßen formulieren:
- jene, die auf die zugrundeliegende Semantik von Äußerungen bezogen sind,
- jene, die auf die Perzeption und Produktion von Sprache unter Beschränkungen des Kurzzeitgedächtnisses bezogen sind und
- jene, die auf die Organisation und Speicherung sprachlicher Regeln bezogen sind." (S.145)
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(C) Beachte die Ordnung von Wörtern und Morphemen
- Die normale Ordnung von funktionalen Morphemen in der perzipierten Sprache wird in der Kindersprache beibehalten. (S.149)
- Die Wortordnung in der Kindersprache gibt die Wortordnung der perzipierten Sprache wieder. (S.150)
- Sätze, die von der normalen Wortordnung abweichen, werden in frühen Entwicklungsstadien so interpretiert, als ob die Realisierungen normaler Wortordnung seien. (S.151)
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(D) Vermeide die Unterbrechung oder Reorganisation sprachlicher Einheiten
- Strukturen, die eine Permutation von Elementen erfordern, treten wahrscheinlich zunächst in nicht permutierter Form auf. (S.153)
- Wo immer möglich, werden diskontinuierliche Morpheme reduziert auf oder ersetzt durch kontinuierliche Morpheme. (S.153)
- Es gibt eine Tendenz, die Satzstruktur als eine abgeschlossene Entität beizubehalten; dies spiegelt sich in der Entwicklung von satzexterner Plazierung verschiedener sprachlicher Formen zu ihrer Plazierung innerhalb des Satzes wider. (S.153)
- Je größer die Distanz zwischen aufeinanderbezogenen Satzteilen, je häufiger werden solche Sätze nicht korrekt verarbeitet (in der Imitation, im Verstehen oder in der Produktion). (S.154)
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(E) Zugrundeliegende semantische Relationen sollten offen und deutlich markiert sein
- Ein Kind wird anfangs solche semantischen Konzepte früher markieren, deren morphologische Realisierung perzeptuell deutlicher markiert ist (ceteris paribus). (S.155)
- Es gibt eine Abneigung gegen die Markierung einer semantischen Kategorie durch Ø ("Null-Morphem"). Wird eine semantische Kategorie in einem Fall durch Ø markiert, im anderen jedoch durch eine manifeste phonologische Form, dann ersetzt die letztere in einem bestimmten Stadium auch Ø. (S.156)
- Wenn es in einem Flexionssystem homonyme Formen gibt, so werden diese Formen meist nicht die zuerst die vom Kind erworbenen sein; d. h. das Kind tendiert dazu, wenn verfügbar, phonologisch einmalige Formen als erste Realisierungen von Flexionen auszusuchen. (S.157)
- Beherrscht ein Kind zunächst eine vollständige Form einer sprachlichen Einheit, die kontrahiert oder getilgt werden kann, treten Kontraktionen oder Tilgungen meist nicht auf. (S.157)
- Es ist einfacher, einen komplexen Satz zu verstehen, in dem optional tilgbare Elemente vollständig realisiert werden. (S.158)
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(F) Vermeide Ausnahmen
- Folgende charakteristische Stadien sprachlicher Markierung eines semantischen Konzepts lassen sich beobachten:
- keine Markierung,
- angemessene Markierung in begrenzten Fällen,
- Übergeneralisierung von Markierungen (oft begleitet von redundanter Markierung),
- vollständiges System der Erwachsenensprache. (S.160)
- Regeln, die auf eine größere Menge sprachlicher Erscheinungen anwendbar sind, werden vor Regeln erworben, die sich auf deren Untermengen beziehen. Generelle Regeln werden vor spezifischen erworben. (S.160)
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(G) Der Gebrauch grammatischer Markierungen sollte semantisch sinnvoll sein
- Wenn die Wahl einer angemessenen Flexion aus einer Gruppe von Flexionen mit derselben semantischen Funktion von arbiträren formalen Kriterien determiniert ist (vgl. die phonologische Form des Stammes, die Silbenzahl im Stamm, arbiträres Genus des Stammes), verwenden Kinder zunächst meist eine einzige Form in allen Kontexten unter Mißachtung formaler Selektionsbeschränkungen. (S.162)
- Irrtümer in der Wahl eines Funktors treten nur innerhalb der jeweiligen Funktorklasse und deren Subkategorien auf. (S.163)
- Semantisch konsistente grammatische Regeln werden früh und ohne signifikante Fehler erworben. (S.163)
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