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MSE L1-Erwerb: Ausbau in der Grundschulzeit
(Röhr-Sendlmeier 1985)

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Bei Schuleintritt ist der kindliche Spracherwerb schon weit fortgeschritten, allerdings lernen Kinder erst während der Grundschulzeit den Umgang mit komplexen Strukturen. Diese Beobachtungen widersprechen nativistischen Positionen (→ Chomsky), die davon ausgehen, daß der Spracherwerb in sehr kurzer Zeit abläuft. Röhr-Sendlmeier 1985 gibt einen Überblick in fünf Bereichen (vgl. auch Lewandowski 1978); aktuell liegt ein Forschungsüberblick aus dem PROSA-Projekt vor (→ Ehlich & Bredel & Reich (Hgg.) 2009)

 
  1. Phonetisch-phonologische Fertigkeiten

    • Probleme bei der Produktion von Konosonantenkombinationen, insbesondere bei medialen und finalen Konsononantenclustern mit Affrikaten ([pf] und [ts]); mit ca. 8 Jahren ist etwa das Erwachsenenniveau erreicht.
    • Besonders im Zusammenhang mit dem Schriftspracherwerb bildet sich metaphonetisches Wissen um die Lautstruktur der Sprache aus.
  2. Lexikalisch-semantische Fertigkeiten

    • Umfang des Wortschatzes schon recht umfangreich mit Elementen aller wichtigen Wortklassen:
      • Substantiv | Verb | Adjektiv | Adverb | Artikel | Zahlwort | Pronomen | Präposition | Konjunktion | Partikel
    • Semantik: die vom Kind verstandenen und verwendeten Wortbedeutungen decken sich nicht immer mit denen der Erwachsenen; erst allmähliche Angleichung: Überdiskrimination und Übergeneralisierung:
      • Überdiskrimination: jüngere Kinder fassen weniger Elemente unter einen Oberbegriff, z.B. Handschuhe, Hut und Schuhe noch nicht unter Kleidung, wohl aber Kleid, Hemd und Jacke.
      • Übergeneralisierung: jüngere Kinder machen noch keine Unterschiede zwischen den Begriffen gut, hübsch und glücklich; ähnlich - wenn auch schwächer für gut, stark und schwer; mit wachsendem Alter zunehmende Differenzierung.
    • Übertragene, abstrakte Bedeutungen entwickeln sich: Adjektive wie hell, hart oder süß werden nur in ihrer unmittelbaren, physikalischen Beduetung erfaßt, noch nicht in ihrer übertragenen - vgl. auch Piaget zur Entwicklung des Verständnisses moralischer Begriffe.
  3. Morphologische Fertigkeiten

    • Sprachentwicklung schon weit fortgeschritten
    • Probleme bei der richtigen Verwendung der Flexion und sog. schweren Verbformen (Konjunktiv) oder Pluralbildungen: zwei Bette, drei Bleistiften, zwei Gabel
    • Genus der Substantive wird mit 6 Jahren fehlerfrei realisiert
  4. Syntaktische Fertigkeiten

    • Dominanz einfacher Sätze mit Nomen-Verb-Nomen Strukturen und wenigen Ergänzungen
    • Vorwiegend aktive, affirmative, deklarative Sätze
    • Kaum hypotaktische und passivische Konstruktionen - auch Schwierigkeiten bei der Rezeption passivischer Konstruktionen
    • Herausbildung der Unterscheidung mehrsinniger Konjunktionen, Präpositionen und Pronomina
  5. Pragmatische Fertigkeiten

    • Vorschulkinder berücksichtigen beim Sprechen schon die Handlungskonstellation und ihre Partner; gegen&uumjl;ber jüngeren Kindern reduzieren sie z.B. die grammatische Komplexität und Sprechgeschwindigkeit und erhöhen die Redundanz
    • Berücksichtigung para- und nonverbaler Informationen (Gesichtsausdruck usw.)
    • Allerdings erst während der Grundschulzeit entwickelt sich Rollenflexiblität in der Interaktion mit anderen; der Wissensstand des Hörers wird noch nicht ausreichend berücksichtigt

Literatur

Lewandowski, Theodor (1978) Spracherwerb und kognitive Entwicklung. In: Augst, G. (Hg.) Spracherwerb von 6 bis 16. Düsseldorf: Schwann, 161-180
Röhr-Sendlmeier, Una M. (1985) Zum sprachlichen Entwicklungsstand des Grundschulkindes. In: Linguistische Berichte 98/85, 338-346
Ehlich, Konrad & Bredel, Ursula & Reich, Hans H. (Hgg.) (2009) Referenzrahmen zur altersspezifischen Sprachaneignung. Bildungsforschung Band 29/I. Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung