| | Projektziel |
In dem Projekt wurden 1987 bis 1988 anhand mündlicher und schriftlicher Äußerungen türkischer Grundschüler/-innen am Ende der Grundschulzeit besonders schulrelevante Aspekte ihrer Sprachkompetenz in der deutschen und türkischen Sprache erfaßt und analysiert. |
| | Schulsituation |
Die Grundschule, an der die Untersuchungen durchgeführt werden, liegt in einem zentralen Stadtviertel mit hohem Anteil von MigrantInnen. Die Schüler/-innen kommen zu über 80% aus einem nichtdeutschsprachigen Elternhaus. Türkische Schüler stellen mit etwas über 50% die größte Gruppe. Die Alphabetisierung erfolgt auf Deutsch, der Unterricht wird als 'normaler' Regelunterricht in deutscher Sprache durchgeführt. Trotz zusätzlichen deutschen Förderunterrichts sind ausländische Schüler nach Einschätzung des Kollegiums im Vergleich zu 'normalen' deutschen Schulen 1-2 Jahre im Rückstand. Gleichzeitig zeigen sich sich Schwächen im Türkischen, die der Muttersprachenunterricht nicht beheben kann. Im März 1987 wurde vom Kollegium Kontakt mit dem Arbeitsbereich "Deutsch als Fermdsprache" des Germanischen Seminars der Uni Hamburg aufgenommen.
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| | Arbeitshypothese: |
Nach der Schwellenniveau und Interdependenzhypothese von → Cummins 1982 hängen die unter (1) angesprochenen Probleme mit den Submersionsbedingungen zusammen, d.h. einer oberflächlich gut entwickelten mündlichen Kompetenz (BICS) stehen schlecht entwickelte kognitiv-akademische Fähigkeiten (CALP) in beiden Sprachen gegenüber, wobei letztere ein bestimmtes Niveau erreicht haben müssen, damit sich beide Sprachen in schulisch relevanten Bereichen positiv entwickeln können (s. auch Fthenakis u.a. 1985, BAGIV (Hg.) 1985, Rehbein 1986 sowie die Übersicht und die Literatur in Öktem & Rehbein 1987).
Dieser Hypothese entspricht der erste Eindruck, wonach die schriftsprachliche Kompetenz der Schüler der Klassen 4a-87 und 4b-87 im Deutschen weiter fortgeschritten ist als im Türkischen, wo sich sowohl starke Einflüsse der gesprochenen türkischen Sprache wie schriftsprachlicher Normen des Deutschen zeigen.
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| | Analyseverfahren |
Gängige Diagnoseverfahren für diese Zielgruppe weisen im Regelfall folgende Merkmale auf: entweder Bezug auf spontansprachliche (mündliche) Äußerungen oder auf schriftliche Äußerungen, ausschließliche Berücksichtigung des Deutschen und Konzentration auf Morphologie und Syntax (s. Luchtenberg 1984). Mit der Beschränkung auf Deutsch als Zweitsprache wird die besondere Situation der bilingual aufwachsenden Schüler nichtdeutscher Muttersprache nicht erfaßt. Da die die Diagnose durchführenden deutschen Kräfte (und/oder Lehrer) die Muttersprache der Schüler meist nicht beherrschen, kann nicht beurteilt werden, ob ein Kind mit geringen Deutschkenntnissen auch in der Muttersprache Probleme hat, oder ob es im Gegenzug über gute muttersprachliche Kenntnisse verfügt. Deshalb ist die Einbeziehung beider Sprachen notwendig.
Die Konzentration, bzw. Beschränkung auf Morphologie und Syntax von geschriebener oder gesprochener Sprache blendet nach den Ausführungen in (3) funktionale Aspekte sprachlichen Handelns aus. Gerade hier sind Diagnoseverfahren, die sich ausschließlich auf elizitierte Daten stützen, der Gefahr ausgesetzt, systematisch verzerrte Daten zu erheben. Die Vorabkategorisierung und Durchrasterung der Äußerungen nach formalen Kriterien birgt die Gefahr, kommunikativ wesentliche Äußerungen zu ignorieren, bzw. die Daten für die Analyse zu 'normieren'. Daher wird ein diskursanalytischer Forschungsansatz gewählt, auch wenn damit ein erheblich höherer Arbeitsaufwand verbunden ist.
Gleichzeitig soll exemplarisch eine formbezogene Datenanalyse nach den gängigen diagnostischen Verfahren durchgeführt werden, um im Vergleich mit den diskursanalytisch ermittelten Ergebnissen begründete Aussagen zur Leistungsfähigkeit beider Methoden machen zu können. |
| | Aufgaben- und Themenstellungen |
Von den oben genannten Bildergeschichten wird die für die deutschen Äußerungen gewählte Fahrt zur Jugendherberge (Kurzbezeichnung Juhe) auch in anderen Schulen eingesetzt, so daß die damit erhobenen Daten einen Vergleich mit anderen Schülern erlauben. Die Bildergeschichte Kindererziehung/çocuk egitimi wurde auch bei kurz zuvor in die Bundesrepublik gekommenen türkischen Schülern eingesetzt (A. Aksoy-Reiter), so daß der Einfluß der deutschsprachigen Umgebung eingeschätzt werden kann.
Unter demselben Gesichtspunkt wurden die Kurzgeschichten Die Zauberstäbe (von W. Fehse) sowie Das Geisterhaus/Perili kösk zur Elizitierung eingesetzt. Zu diesen Geschichten liegen bereits Analysen vor (z.B. Rehbein 1987), so daß damit erhobene Daten nach einer Übersetzung und ihrer EDV-Erfassung mit vergleichsweise geringem Aufwand Aufschlüsse über den Sprachstand der Schüler bei diesen Aufgaben zulassen.
Videoaufnahmen beim Drachenbauen erlauben die Analyse handlungsbezogener Sprechhandlungen, die Planung und Koordinierung gemeinsamen Handelns, der interaktiven Verständigung über das zu bastelnde Objekt.
Aufnahmen aus dem Mathematikunterricht erfassen Kommunikation zur Erarbeitung abstrakter Regelmäßigkeiten, die im schulischen Kontext in besonderem Maße sprachlich erfolgt.
Die Aufnahmen aus dem deutschen Sprachunterricht umfassen Nacherzählungen, eine analytisch erschlossene Form sprachlichen Handelns, Vorlesen von Texten, eine im Unterricht stark vertretene Form des Umgangs mit Texten und grammatische Erklärungen. Im türkischen Sprachunterricht wurden neben Nacherzählungen auch die Bearbeitung und Besprechung schriftlicher Arbeiten aufgenommen.
In Familien von einigen SchülerInnen wurden Gespräche mit den SchülerInnen und Eltern druchgeführt und aufgenommen. Es wurden auch zum Thema Fahrradunfall Wiedergaben einer Hörspielszene und selbsterlebte Unfallgeschichten auf Deutsch und Türkisch erhoben.
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| | Aufnahmen & Transkription |
Bei den Aufnahmen wirkten A. Aksoy, A. Öktem und J. Rehbein mit. Die Transkriptionen und Übersetzungen der türkischen Transkripte und Texte besorgte A. Aksoy. A. Aksoy führte mit der Bildvorlage Çocuk egitimi auch Datenerhebungen in Hamburg und Istanbul durch.
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 | JUHE |
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| | Setting |
Die Juhe-Texte wurden in den zwei aufeinander folgenden Jahren 1987 und 1988 jeweils am Ende der vierten Klasse mit einer Bildergeschichte erhoben. Zunächst wurde die vier OHP-Folien der Bildergeschichte mit einem Overheadprojekotr gezeigt. Während des Schreibens in einer normalen Deutschstunde hingen die Bilder auf zwei DIN A3 Kopien an der Tafel. Die Lehrerinnen schrieben jeweils verschiedene von den Schülern erfragte Wörter an die Tafel, z.B. 'Jugendherberge'.
Beim zweiten Durchgang 1988 wurden die SchülerInnen im Anschluß an die Stunde, in der sie ihre schriftliche Version zu Papier gebracht hatten, noch einzeln zu ihren Geschichten befragt und um eine mündliche Wiedergabe ihrer Geschichte gebeten. |
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| | Schreibvorlage |
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| | (Bilder © J. Rehbein) |
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| | Analysen |
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| | Publikationen |
- Grießhaber 1999, 2001, 2007
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 | Çocuk egitimi |
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| | Setting |
Die Çocuk egitimi / Kindererziehungs-Texte wurden in den zwei aufeinander folgenden Jahren 1987 und 1988 jeweils am Ende der vierten Klasse mit einer Bildergeschichte erhoben. Zunächst wurde die OHP-Folie der Bildergeschichte mit einem Overheadprojekotr gezeigt. Der Lehrer gab Hilfe beim Schreiben.
Beim zweiten Durchgang 1988 wurden die SchülerInnen im Anschluß an die Stunde, in der sie ihre schriftliche Version zu Papier gebracht hatten, noch einzeln zu ihren Geschichten befragt und um eine mündliche Wiedergabe ihrer Geschichte gebeten. |
| | Schreibvorlage |
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 | Fahrradunfall |
- Gespräche in den Familien
- Wiedergabe einer Hörspielszene mit einem Fahrradunfall,
Erzählen einer selbsterlebten Fahrradunfallgeschichte
- Deutsch und Türkisch
- → Personenreferenz & Fokuskontinuität
- Transkriptionen: &rarr DNI, GLUE, HAC, KML, MEO
- Publikation: Grießhaber 1999
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 | Zauberstäbe / Sihirli |
- Deutschunterricht: schriftliche Nacherzählung der vorgelesenen Geschichte
- Türkischunterricht: schriftliche Nacherzählung der vorgelesenen Geschichte
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| | Liebe Julia |
- Deutschunterricht; Klasse 88a
- Rechtschreiben: Groß- und Kleinschreibung
- → Transkription der Unterrichtsstunde
- Publikation: Grießhaber 1997
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| | Merdiven |
- Türkischunterricht; Klasse 88a
- Illustriertes Arbeitsblatt mit Lücken zum Vervollständigen von Sätzen
- 8 Arbeitsblätter
- Publikation: Grießhaber 1994
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| | Pamuk nine |
- Türkischunterricht
- Lehrer liest das Märchen Pamuk nine (Frau Holle) vor
- → Transkription der Unterrichtsstunde
- Publikation: Grießhaber 1992 (→
PDF-Datei)
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 | Literatur |
Grießhaber, W. (o.J.) Arbeitsplan für die Durchführung einer schulbezogenen bilingualen Sprachstandsanalyse türkischer Grundschüler (SCHUBS). Hamburg: Germanisches Seminar (mimeo)
Grießhaber, W. (o.J.) Lernbiographie-Fragebogen (SCHUBS). Hamburg: Germanisches Seminar (mimeo); überarbeitet 2001. Münster: Sprachenzentrum (mimeo) ( PDF-Datei)
Grießhaber, W. (1992) Märchen im muttersprachlichen Unterricht. "Pamuk Nine" in der vierten Grundschulklasse. (ENDFAS Arbeitspapier Nr. 7). Hamburg: Germanisches Seminar (mimeo) ( PDF-Datei)
Grießhaber, W. (1994) Die Wichtigkeit der Pflege der türkischen Sprache für türkische Kinder und Jugendliche. In: Bezirksregierung Münster & Türkisches Generalkonsulat Münster (Hgg.) Deutsch-Türkisches Forum zu Fragen der Bildung und Erziehung türkischer Kinder und Jugendlicher in Deutschland. Möglichkeiten und Probleme türkischsprachiger Bildung im Regierungsbezirk Münster. 7. Februar 1996 Tagungsbericht. Münster (Bezirksregierung) (mimeo), 20-39
Grießhaber, W. (1997) Grammatik oder wozu braucht eine angehende Deutsch-Lehrkraft Grammatik? In: Becker-Mrotzek, M. & Hein, J. & Koch, H. H. (Hgg.) Werkstattbuch Deutsch: Texte für das Studium des Faches. Münster: LIT, 553-573
Grießhaber, Wilhelm (1999) Sprachliche Prozeduren bei der Wiedergabe einer Hörspielszene. In: Johanson, L. & Rehbein, J. (Hgg.) Türkisch und Deutsch im Vergleich. Wiesbaden: Harrassowitz, 95-128
Grießhaber, Wilhelm (1999) Die relationierende Prozedur. Zu Grammatik und Pragmatik lokaler Präpositionen und ihrer Verwendung durch türkische Deutschlerner. Münster/New York: Waxmann
Grießhaber, Wilhelm (2001) Erst- und zweitsprachliche Textproduktion nach Bildvorlage. In: Wolff, A. & Winters-Ohle, E. (Hgg.) Wie schwer ist die deutsche Sprache wirklich? Regensburg: Fachverband Deutsch als Fremdsprache, 102-114
Grießhaber, Wilhelm (2007) "und wir faren in die andere seite" - Der Gebrauch lokaler Präpositionen durch türkische Grundschüler. In: Meng, K. & Rehbein, J. (Hgg.) Kindliche Kommunikation - einsprachig und mehrsprachig. Münster u.a.: Waxmann, 371-392
Grießhaber, Wilhelm & Rehbein, Jochen (1992) Kontextualisierte Wortschatzanalyse (KWA). Ziele, Probleme und Verfahren. (ENDFAS Arbeitspapier Nr. 1). Hamburg: Germanisches Seminar (mimeo) (PALM 11/02, PDF-Datei)
Rehbein, Jochen & Grießhaber, Wilhelm (1996) L2-Erwerb versus L1-Erwerb: Methodologische Aspekte ihrer Erforschung. In: Ehlich, K. (Hg.) Kindliche Sprachentwicklung. Opladen: Westdeutscher Verlag, 67-119
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