Tertiaersprachen L3-Tertiärsprachen (Neuner 1996)


(0) Annahmen

  • Deutsch, eine wichtige zentraleuropäische Regionalsprache (→ Stellung)
  • global häufig Deutsch nach Englisch zweite Fremdsprache; in den 70er Jahren: 3 von Kursteilnehmern des Goethe Instituts haben Deutsch als zweite, bzw. dritte Fremdsprache nach Englisch
 

(1) Rahmenbedingungen

  • Institutionelle Bedingungen der (Fremd-)Sprachenfolge:
    • historische Entwicklungen: Beziehungen zu deutschsprachigen Ländern
    • pragmatische Bedingungen: Nähe, (berufliche) Verwertbarkeit, …
    • allgemeine Einschätzung von Deutsch: schwierieg zu lernen, nur für intelligente und fleißige
    • allgemeine Wertschätzung der deutschen Kultur (Literatur, Musik, Philosophie), Technik, Wirtschaft, Recht
  • Institutioneller Rahmen der 'Drittsprache Deutsch':
    • späterer Beginn (nicht vor dem 13./14. Lebensjahr)
    • bei geringerer Gesamtstundenzahl gleiches Niveau wie in Englisch
    • steilere Lehrstoffprogression: beschleunigtes & intensiviertes Lernen
  • Lernermerkmale:
    • Lernende schon 'halbe Erwachsene'
    • Interessen: nicht nur peer group, sondern auch gesellschaftlich-politischer Kontext, …
    • intensive - oft kritische - Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität (Autorität, Idealisierung, Ausbrüche, Schwarzweißmalerei)
    • Motivation: an der fremden Welt, an verwertbarem Wissen & Können
    • kognitivere Ausrichtung des Lernens
      • deklaratives landeskundliches & sprachliches Wissen
      • prozedurales Wissen um effiziente Lernverfahren & Lerntechniken
 

(2) didaktisch-methodisches Konzept

  • Zielsetzung:
    • Entwicklung pragmatisch-kommunikativer Kompetenz: Deutsch für den Alltag unter Zuhilfename vorgängiger Englischkenntnisse
    • Auseinandersetzung mit soziokulturellen Gegegebenheiten vor eigenkulturell geprägten Wahrnehmungsweisen und der 'Mittlerwelt' des englischsprachigen Raums
  • Didaktische Leitlinien: 10 Prinzipien:
    1. Vom Verstehen zur Äußerung: vom Lesen / Hören / Sehen zum Sprechen / Schreiben
    2. Inhalt gegenüber vorwiegend linguistisch orientierter Lernprogression
    3. Textorientierung
    4. Entwicklung einer Verstehensgrammatik
    5. Betonung kognitiver Lernverfahren
    6. Ökonomisierung des Lernprozesses: bewußter Rückgriff auf die Mittlersprache Englisch
    7. Verstärkung der Lernerautonomie: Differenzierung des Lernangebots, Bewußtsein der effizienten Organisation (Hilfsmittel: Grammatiken, Wörterbücher, …)
    8. sinnvolle Aufgabenstellungen
      • Fertigkeitsbereiche
      • Sprachsysteme: mit dem Englischen vergleichend-induktive Erarbeitung; Auswertung gut ausgewählter Texte
    9. Fähigkeit, sprechend/schreibend in der Fremdsprache Deutsch aus einem breiten Verstehenskontext heraus zu kommunizieren; Herausfiltern der Mitteilungsgrammatik
      • Sprechen: diskursives Sprechen, Integration von Gestik & Mimik, Äußerungsstrategien
        Äußerungsgrammatik als Beispielgrammatik
      • Training der wichtigsten Kommunikationsformeln im Rückgriff auf das Englische
      • Schreiben: pragmatisch motiviertes Schreiben (wichtigste Textsorten)
        personal/kreatives Schreiben (sich experimentierend ausdrücken)
        lernprozeßsicherndes Schreiben (Notizen, Gliederungen)
    10. selbstdeckendes und -entwickelndes Lernen (Grammatikregeln, bestimmte, vom Englischen her schon verständliche Wortschatzbereiche, Textsortenphänomene, Lerntechniken)
 

(3) Lernstoffe, auf englischer Grundlage zu erarbeiten

  • Wortschatzarbeit
  • Grammatikarbeit:
    • elementare Satzbaumuster / Funktionswörter / Tempusformen (Perfekt mit haben; un/regelmäßige Verben; Futurbildung) / Modalität)
  • Artikulation, Intonation: besonders wichtig Unterschiede
  • Textsorten: viele Entsprechungen
 

(4) Lehrmaterialien für 'Deutsch nach Englisch'

  • Vergleichend vorgehen, Bekanntes bewußt machen; besonders im Anfangsunterricht:
    • verwandte Wortschatzbereiche durch direkten Rückgriff auf Englisch
    • gut ausgewählte Texte zur Übung des 'intelligent guessing'
    • Grammatikprogression kontrastiv - unter Einbeziehung der L1 und Englisch
    • bewußtes Erfassen der Lernziele, zu jeder Lektion ein Deckblatt mit übersichtlicher Angabe der Lernziele
    • Aufgabenstellungen, die die Lernziele in Handlungen umsetzen
    • grundsätzlich kognitive Erarbeitung aller Phänomene
    • Aktivierung der Lernenden (selbstentdeckendes & -entwickelndes Lernen)
  • Vom Verstehen zur Äußerung fortschreiten - mit interessanten Texten
  • Lehrwerkteile: Mindestaustattung - Schülerbuch

Literatur

Neuner, Gerhard (1996) Deutsch als zweite Fremdsprache nach Englisch. Überlegungen zur Didaktik und Methodik und zur Lehrmaterialentwicklung für die "Drittsprache Deutsch". In: Deutsch als Fremdsprache 4/96, 211-217
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