Tertiaersprachen FSU: L3-Tertiärsprachen: L1 Chinesisch - L2 Englisch - L3 Deutsch (Vogel 1992)


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Datenbasis

Longitudinalstudie einer chinesischen Informatikstudentin, die ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland kam. Englischkenntnisse - auch als wissenschaftliche Arbeitssprache - vorhanden. Anfänglich Verständigung mit Kollegen nur auf Englisch.
Beginn der Datenerhebung: 3 Wochen nach Beginn des L3-Kontakts; zunächst wöchentlich Gespräche - später längere Intervalle - von denen jeweils 45 Minuten aufgenommen wurden.

 

Ergebnisse

  1. Global: anfangs sehr hoher L2-Lexikanteil, beim ersten Interview 30% aller Wörter, Rückgang
     
  2. Transfer oder Kode-Wechsel?
    Transfer: Lerner überträgt L2-Elemente in der Annahme der Gleichheit und integriert sie in die L3
    Kode-Wechsel: Lerner benutzt L2-Elemente zur Lösung kommuniaktiver Probleme, ohne Annahme der Identität
    Entscheidung ist schwierig, aufgrund von Markierungen (z.B. Hesitation) wird Kode-Wechsel angenommen
     
  3. Transfer
    deutlich auf lexiko-semantischer Ebene: Verwendung genuin deutscher Lexeme mit englischen semantischen Regeln, drei Verwendungen im Analysezeitraum:
    gehengehen mit Fahrradgo by bike
     
  4. Kode-Wechsel
    (s.o.); zu unterscheiden sind kommunikativ-referentieller Kode-Wechsel und automatischer Kode-Wechsel:
    • kommunikativer Kode-Wechsel mit Hestitationen:
      Deutschland is äh rich is äh rich Staat.
    • automatischer Kode-Wechsel:
      Frau Li is ehm kommst aus China she sie ehm sie teach sie.
      Es wird angenommen, daß zumindest Teile des L2 und L3 Lexikons zusammen gespeichert, bzw. über einen konzeptuellen Speicher miteinander verbunden sind. Bei der Sprechplanung gibt der konzeptuelle Speicher die Einträge beider Sprachen:
      in ehm ka in Land country Land country
      Später führt dies zu L3-Einflüssen in der L2:
      I have another Grund oder reason to go to Paris.
      Die automatischen Kode-Wechsel werden von der Lernerin als 'Kriegsschauplatz' bezeichnet.
       
  5. Syntax
    Nur in sehr geringem Maße von L2-Einfluß betroffen; schon sehr früh Differenzierung zwischen L2 und L3-Syntax.
    Entwicklung der L3-Syntax weitgehend unbeeindruckt von dem hohen L2-Lexem-Anteil des Anfangsstadiums; z.B. Separation von finitem Auxiliar und infinitem Vollverb nach 3 Wochen:
    Ich denke I/ich werd mache ich werd de Prüfung mache.
    Schon im dritten Kontaktmonat führt L2-Lexik nicht zur Aktivierung von L2-Syntax:
    ich can nicht das control
    Bei komplett in der L2 formulierten Sätzen bleibt L2-Syntax erhalten.
 

Zusammenfassung

"Der Einfluß der L2 auf den L3-Erwerbsprozeß beschränkt sich auf das Lexikon, aber nur insoweit, als das L2-Lexikon mit dem L2-Speicher verbunden ist. Dies wird in den automatischen Kode-Wechseln deutlich. Die Syntax bleibt unberührt von diesen lexikalischen Kode-Wechseln.

Die Lernende differenziert folglich, auch bei angenommener typologischer Nähe, von Anfang an die Grammatiken der gelernten bzw. der zu lernenden Sprache.

Dies bedeutet, daß auch ohne kognitive Kontrastierung von grammatischen Unterschieden Lernende offensichtlich keine Probleme beim Auseinanderhalten von syntaktischen Regeln haben. In der Deutsch-als-Fremdsprache-Didaktik jedoch spielt der kontrastive Ansatz noch eine sehr dominante Rolle (…). Hier scheint ein Umdenken zwingend erforderlich." (S. 99)


Buch 

Vogel, Thomas (1992) 'English und Deutsch gibt es immer Krieg'. Sprachverarbeitungsprozesse beim Erwerb des Deutschen als Drittsprache. In: Zielsprache Deutsch 2/92, 95-99
Weitere Literatur