Tertiaersprachen L3-Tertiärsprachen Beispiel: 'Dim Sum' - Verbflexion


[Transkription | Text | Hintergrund | Worterklärung 'sogar'Umlaut | Verbflexion]


Die Klärung der deutschen Verbalflexion führt zu einem längeren grammatischen Exkurs, um Asi (L1 Englisch) die Bildung der 2. Person Plural zu verdeutlichen. Die Passage läßt sich in folgende drei größere Abschnitte gliedern:

  1. Identifizierung einer Problemstelle und Formulierung der korrekten Form (PF 26)
  2. Erklärung der Regel, daß pluralisches ihr zur Verwendung von schickt führt; (PF 27 bis 29)
  3. Vertiefung der Kenntnisse durch Kontrastierung mit dem Englischen (PF 30 bis 34)

 

Problem und korrekte Form

In dem längeren Transkriptausschnitt behandeln die beiden Schreiberinnen eine wichtige Regelmäßigkeit der deutschen Verbflexion, nälich das t für die zweite Person Plural. Die eigentliche Intervention ist dabei sehr kurz und spielt sich in der PF 26 ab. Das besonders Interessante ist der sich anschließende Diskurs über die Regel.

Asi verfolgt die Texteingabe ihrer Partnerin Lin (L2 Englisch). Zunächst bestätigt sie auf der propositionalen Ebene das von Lin Geschriebene durch Wiederholung und die bestätigende Partikel ja. Doch nach einer längeren Pause zweifelt sie die Form des Verbs an (Schritt 0), indem sie es mit Frageintonation wiederholt und dann explizit die von ihr für richtig gehaltene Version schicken einbringt (Schritt 1).


Dim Sum schickt

Lin beharrt auf ihrer Version (Schritt 2), so daß die Sache eigentlich erledigt sein könnte. Doch dann schickt sich Lin an, ihrer Partnerin die Regel für die von ihr für richtig erachtete Form zu erklären. Dabei zeigt sich, welche Konjugationsregeln die beiden annehmen und nach welchen sprachlichen Merkmalen sie sich dabei richten.

 

Erklärung 1: Ihr = PluralSchickt

Lin formuliert kurz und &bündig, daß deutsch Ihr wie englisch you Plural ist und schickt bedingt. Nach längerer Pause formuliert Asi die von ihr bislang angenommene Regel für die Verwendung des Flexions -t. Sie orientiert sich offensichtlich am englischen 3rd Person Sg -s (PF 28).


Dim Sum schickt 2

Diese Einschränkung der Verwendung des -t veranlaßt Lin zu einer vehementen Zurückweisung von Asis Äußerung und zur Bekräftigung der zuvor formulierten Verwendung des -t auch mit ihr, was von Asi akzeptiert wird.

Englisch spielt in dem Abschnitt auf zwei Ebenen eine Rolle: zunächst wird es von Lin zur Verdeutlichung der Bedeutung von Ihr ins Spiel gebracht; dann zeigt sich, daß sich Asi bei der Verwendung des Flexivs -t offensichtlich an ihrer L1 Englisch orientiert, das sie mit dem 3. Person Singular -s gleichsetzt.

 

Erklärung 2: Kontrastierung mit dem Englischen

Im folgenden verdeutlicht Lin die deutschen Konjugationsregeln im Kontrast zum Englischen:

  1. zunächst stellt sie fest, daß im Englischen you für Plural und Singular verwendet wird (PF 29 bis 30);
  2. dann führt sie kontrastierend das Deutsche ein:
    1. das singularische du, mit dem das Flexiv -st verwendet wird (PF 30-31) und
    2. das pluralische ihr, dem auch englisch youentspricht, dessen Bedeutung nun mit Beispielen erläutert wird (PF 31-34);
      sie benutzt das Bild einer Gesprächskonstellation mit mehreren Personen, bei denen man ihr sagt;
      sie wiederholt dann wiederum das englische you und den Begriff Plural;


Dim Sum schickt 3

Nach diesem langen Exkurs drückt Asi mit Okay in PF 34 ihre Zustimmung aus. Danach kehrt Lin zum Text zurück, wiederholt die schon geschriebene Passage und fährt mit der Texteingabe fort.

 

Im Ausschnitt verwendet Lin systematisch das Englische, um die anderen Verhältnisse im Deutschen zu verdeutlichen. Grundlage sind wohl eigene Lernerfahrungen der Lernerin. Aus den Äußerungen ihrer Partnerin läßt sich für die Verwendung des Flexivs -t eine Parallele zu Asis L1 Englisch erkennen. An diesem Punkt setzt die Erklärung von Lin an. Sie legt zunächst die Grundlagen, indem sie unter Rekurs auf eine Gesprächskonstellation den Unterschied von einem und mehreren Angesprochenen expliziert.

Bemerkenswert ist weiterhin die Verwendung von Regelformulierungen im Sinne der Signalgrammatik (→ Zimmermann 1977):
• wenn du = Singular → schickst
• wenn ihr = Plural → schickt

Der Ausschnitt zeigt die Effizienz der Erklärung durch die Lernerin. Ihre Erklärung setzt am Formulierungsproblem in dem Moment an, in dem es manifest wird. Die Erklärung kann die falschen Annahmen einbeziehen und dadurch den Kern der falschen Regelbildung bearbeiten. Dabei verwendet die Deutsch als L3 lernende Lin bei der Regelerklärung von ihren L2 Englischkenntnissen Gebrauch, das sie mit dem Deutschen kontrastiert. Die Regel selbst wird analog zu Zimmermanns Signalgrammatik formuliert, offensichtlich eine Form, die lerneradäquat ist.


Buch 

Grießhaber, Wilhelm (2002) Neue Medien im DaF-Unterricht. In: Schreiber, R. (Hg.) Deutsch als Fremdsprache am Studienkolleg. Unterrichtspraxis, Tests, Evaluation. Materialien DaF 63 Regensburg: aks-Verlag, 308-326
Rehbein, Jochen (1978) Reparative Handlungsmuster und ihre Verwendung im Fremdsprachenunterricht. Bochum: SLF (mimeo) (neu: ROLIGpapir 34/1984. Roskilde: Universitetscenter)
Zimmermann, Günther (1977) Grammatik im Fremdsprachenunterricht. Frankfurt/M.: Diesterweg
Weitere Literatur