Fehleranalyse (Hufeisen 1993)


Grundlagen

Im Rahmen einer kontrastiv orientierten Analyse der Lernersprache sollen Einflüsse der L1 und weiterer zuvor gelernter Fremdsprachen, insbesondere von Englisch als L2, auf den Erwerb des Deutschen als dritter Sprache (L3, → Tertiärsprachen) untersucht werden.
Zunächst wurden Verschriftlichungen von Bilderfolgen (E. O. Plauen) in ausgangssprachlichen Lernkontexten untersucht.
Die Analyse beschränkt sich ausschließlich auf die vorliegenden lernersprachlichen Äußerungen ohne die intendierte Äußerung ermitteln zu wollen (im Unterschied zu → Kasper). Die Äußerungen werden nach verschiedenen linguistischen Dimensionen klassifiziert. Der Bezug zur L1 oder zur L2 (Englisch) wird durch muttersprachliche BeurteilerInnen ermittelt. (Die Analyseebenen wurden von Hufeisen 1998 um die textuelle Ebene des Absatzes erweitert, die zwischen Satz und Text angesiedelt ist.)

 

Matrix der Fehleranalyse

 

Art des Verstoßes
Ort seines Auftretens

Syntaktik

Semantik

Pragmatik

Graphemabweichung

1

2

 

Monemabweichung

3

4

5

Syntagmaabweichung

6

7

8

Satzabweichung

9

10

11

Textabweichung

12

13

14


Beispiele (→ weitere Beispiele)

  1. hartneckig → hartnäckig (A. 4.2)
  2. Rose → Lose
  3. bekommte → bekam (T. 2.1)
  4. Großvati probierte es neulich → neuerlich/auf ein Neues/erneut (U. 1.10)
  5. Scheiße (A. 4.8, K. 3.3)
    den Apfel erwerben → bekommen (U. 4.2)
  6. Er kletterte an den Baum → auf (U. 4.21)
  7. die Versuchung blieb erfolglos → der Versuch (U. 1.19)
  8. Papa! Ich möchte den Apfel essen. Bringen Sie ihn mir. → Bring ihn (T. 2.8)
  9. Der Apfel fällt weit von seinem Baum nicht. → Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. (U. 2.12)
  10. Fritz nahm den linken Schuh von Herrn Müller und schmiß ihn an den Baum. (U. 1.8)
  11. Im Vollbesitz seiner Kraft zerrte er den Baumstamm hin und her. (U. 2.7)
  12. Hier werden Fälle erfaßt, die statt der erwarteten Geschichte z.B. einen Dialog präsentieren
    z.B. Fortführung der Geschichte im Präsens statt im Präteritum
  13. So ging er auf den Baum und erntete den Apfel. (T. 1.5 zu Bild 3)
  14. VP A. 4.5 gibt ihrer Geschichte den Titel 'Die verdammte Familie' und fährt in ähnlicher Form fort, was für einen schriftlichen Text nicht zu akzeptieren ist.

Anmerkungen

Bei den Klassifizierungsebenen fällt das Fehlen der lautlichen Ebene auf. Darin zeigt sich, daß das Verfahren zur Analyse schriftlicher Texte entwickelt wurde. Möglicherweise bietet der schriftliche Äußerungsmodus mehr Möglichkeiten für Einflüsse anderer Sprachen als der mündliche. Darauf hat schon vor längerer Zeit → Krashen 1978 hingewiesen. Grießhaber 2002 zeigt an der Analyse von Schreibprozessen eines türkischen Jungen in seiner schwächeren Sprache Türkisch, wie sich die Grammatik der Äußerungen im Bearbeitungsprozeß verändert. (→ Infos)

Weiterhin zeigen die Klassifizierungsbeispiele, daß auch dieses Vorgehen nicht ohne subjektive Wertungen auskommt. So orientiert sich die Qualifizierung in 14 an einer Werteskala, die absolut gesetzt wird, die jedoch unter interkulturellen Gesichtspunkten hinterfragbar ist.
Die Orientierung an normierenden Beschreibungen kann die tatsächlich verwendete zielsprachlichen Formen nicht erfassen (s. dazu → Selinker 1972, der zur Vermeidung von daraus resultierenden Fehlern das inzwischen klassische Design mit drei Äußerungssets vorschlug: NL - IL - TL); die Reduktion begünstigt unzutreffende Analysen lernersprachlicher Äußerungen.

Im Rahmen der vorgelegten Beispiele kann der Analyse nicht immer gefolgt werden. So weicht die Präposition in Beispiel 6 von standardsprachlichen deutschen Normen nicht unter syntagmatischen Aspekten (→ Saussure) ab, sondern unter semantischen. Der Schreiber hat für den zu versprachlichenden Sachverhalt eine falsche Präposition gewählt, ein typisches Lernproblem (s. Grießhaber 1981, 1999), das in strukturalistischer Hinsicht unter die paradigmatische Achse fallen würde.

Das Verfahren scheint sich auf die Ermmittlung und Analyse fehlerhafter Äußerungen zu konzentrieren. Interessant ist jedoch gerade auch, was der Lernende schon beherrscht und wie er bestimmte sprachliche Mittel zur Erreichung seiner kommunikativen Zwecke einsetzt. Schon Corder 1967 wies vor Jahrzehnten darauf hin, daß ein Lerner oberflächlich wohlgeformte Äußerungen verwendet, denen jedoch nicht der Erwerb der zielsprachlichen Regeln zugrundeliegen muß. Derartige Erkenntnisse lassen sich nur gewinnen, wenn sämtliche Äußerungen in ihrem Handlungskontext erfaßt und analysiert werden.
Im Gegensatz zu dieser Anforderung einer kontextualisierten Sprachanalyse (s. Grießhaber & Rehbein 1992 → PDF-Datei) entfernt sich das Verfahren noch weiter von den Lerneräußerungen: es scheint, daß die nach der sprachlichen Oberfläche ermittelten Fehler anschließend mit ihren Codenummern weiterverarbeitet werden. Dabei geht der kommunikative Zusammenhang der Äußerungsteile verloren, so daß tieferliegende sprachlich-grammatische Verfahren und ihr Verhältnis zu L1 und L2 und den kommunikativen Zwecken nicht berücksichtigt werden können (s. dazu Grießhaber 1990, → 2003, Rehbein 2002).


Literatur

Corder, S. Pit (1967) The significance of learners' errors. In: IRAL 5/1967, 161-169 (wiederabgedruckt in : Richards, J. C. (Ed.) (1974) Error Analysis. Perspectives on Second Language Acquisition. London: Longman, 19-30)
Grießhaber, Wilhelm (1981) Lokale Präpositionen. Analyse, Beschreibung und Systematik ihres Gebrauchs unter didaktischen Gesichtspunkten. In: Zielsprache Deutsch 2/81, 15-25
Grießhaber, Wilhelm (1990) Transfer, diskursanalytisch betrachtet. In: Linguistische Berichte 129/90, 386-414
Grießhaber, Wilhelm (1999) Die relationierende Prozedur. Zu Grammatik und Pragmatik lokaler Präpositionen und ihrer Verwendung durch türkische Deutschlerner. Münster/New York: Waxmann
Grießhaber, Wilhelm & Rehbein, Jochen (1992) Kontextualisierte Wortschatzanalyse (KWA). Ziele, Probleme und Verfahren. (ENDFAS Arbeitspapier Nr. 1). In: Hamburg: Germanisches Seminar (mimeo) und Münster: WWU Sprachenzentrum, PALM 11/02
Grießhaber, Wilhelm (2002) Türkisch auf deutscher Grundlage? Schreibprozesse eines Jungen in der schwächeren Sprache Türkisch. In: Peschel, C. (Hg.) Grammatik und Grammatikvermittlung. Frankfurt/M. u.a.: Lang, 163-178 (→ Infos)
Hufeisen, Britta (1993) Fehleranalyse: Englisch als L2 und Deutsch als L3. In: IRAL 31,3/93, 242-256
Hufeisen, Britta (1998) L3 - Stand der Forschung - Was bleibt zu tun? In: Hufeisen, B. & Lindemann, B. (Hgg.) Tertiärsprachen. Theorien, Modelle, Methoden. Tübingen: Stauffenburg, 169-183
Krashen, Stephen D. (1978) Individual Variation in the Use of the Monitor. In: Ritchie, W. C. (ed.) Second Language Acquisition Research. Issues and Implications. New York: Academic Press, 175-184
Rehbein, Jochen (2002) Pragmatische Aspekte des Kontrastierens von Sprachen - Türkisch und Deutsch im Vergleich. In: AzM/WPiM 40/02 Hamburg: Uni SFB 538
Selinker, Larry (1972) Interlanguage. In: IRAL 10/1972, 209-231
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