Sprecher der weltweit 20 am meisten verbreiteten Sprachen


Sprachen und Sprecher

Konsequenzen für die Curriculumentwicklung (?)

 

Quantität

Wenn man nur die Zahl der Muttersprachen-SprecherInnen einer Sprache als Kriterium für die (schulische) Fremdsprachvermittlung nehmen würde, müßte Chinesisch die mit Abstand am meisten unterrichtete und gelernte Sprache sein. Erst mit weitem Abstand folgen Englisch und Spanisch vor Hindi, Arabisch und Bengali, bevor mit Russisch und Portugiesisch wieder zwei europäische Sprachen kommen. Deutsch liegt nach Japanisch an zehnter Stelle mit deutlichem Abstand vor Französisch.

Tatsächlich steht jedoch Englisch weltweit mit deutlichem Abstand an erster Stelle der weltweit verwendeten und gelehrten und gelernten Sprachen. Die Zahl der MuttersprachlerInnen spielt also in diesem Zusammenhang nur eine sehr vermittelte Rolle.

 

Funktionen

Wesentlich wichtiger für die Sprachenwahl und den Sprachbedarf sind die mit einer Sprache verbundenen kommunikativen Funktionen, vor allem ihre kommunikative Reichweite. Mit Englisch hat man weltweit die größte kommunikative Reichweite, sowohl auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene. Dafür sind folgende Aspekte maßgeblich:

  • die geographische Verbreitung über mehrere Kontinente (Europa, Amerika, Australien und eingeschränkt Afrika); dadurch gibt es in fast allen Erdteilen englische Muttersprachler;
  • die Verbreitung des Englischen im englischen Kolonialreich, wodurch es zur Verwaltungs- und Verkehrssprache in vielen Gesellschaften wurde (insbesondere in Afrika und Indien); dadurch gibt es bis heute gesellschaftliche Eliten, die sich des Englischen bedienen;
  • infolge der weiten Verbreitung hat sich Englisch auch als plurizentrale Sprache entwickelt, die in mehreren hochsprachlichen Varietäten verwendet wird; dadurch ist Englisch nicht fest mit einem bestimmten Land und einer bestimmten Kultur verbunden, es präsentiert sich in vielen Facetten;
  • Amerika ist die weltweit dominante Wirtschaftsmacht und bestimmt weitgehend die Sprache der internationalen Wirtschafts- & Rechtsbeziehungen
  • in der Wissenschaft hat sich Englisch inzwischen als die dominante Verkehrssprache schlechthin etabliert; in den Naturwissen gibt es Bereiche, in denen Forschungsergebnisse praktisch nur noch auf Englisch pbuliziert werden (zu diesem Prozeß in der Physik s. Grießhaber 1999; zur Kritik an dieser Entwicklung s. Adam 2000);
  • aufgrund seiner Entwicklung weist das Englische gewisse Merkmale auf, die es zur schnellen Verbreitung befähigen: im Gefolge der normannischen Eroberung wandelte sich das alte Englisch und legte bestimmte Merkmale (Genus, Flexion usw.) ab, so daß es Züge einer vereinfachten Pidgin-Sprache annahm; dadurch wurde es nicht nur flexibel für neue Entwicklungen, sondern es öffnet sich auch Lernern - allerdings um den Preis eines differenzierten Wortschatzes, der es auf fortgeschrittenem Niveau sehr schwer werden läßt (zum Aufstieg des Englischen s. Hüllen 2001).

Deutsch

Deutsch ist zwar nach der Zahl der Muttersprachen-SprecherInnen eine wichtige Sprache, doch spielt es international weltweit eine nachgeordnete Rolle. Dies war nicht immer so. Noch bis zum 1. Weltkrieg war Deutsch eine international führende Wissenschaftssprache. Diese Rolle verlor es durch den Faschismus, der dazu führte, daß wissenschaftliche Eliten vertrieben oder vernichtet wurden, bzw. emigrierten. Mit den Emigranten kamen Übersetzungen wichtiger, bis dahin nur auf Deutsch zugänglichen Werke, so daß es nicht mehr unbedingt notwendig war, Deutsch zu können, um sich damit zu beschäftigen. Außerdem waren Deutschland und Deutsch aus wichtigen internationalen Organisationen ausgeschlossen. Selbst in der EG spielte Deutsch von Anfang an nur eine Nebenrolle; von der Groeben 1991 berichtet, daß bis Anfang der 70er Jahre Deutsch selbstverständliche Arbeitssprache in der Kommission war, jedoch nach dem Beitritt Englands deutlich zurückfiel. Allerdings erhielt sich Deutsch in Mittel- Osteuropa eine wichtige Rolle als zweite gemeinsame Sprache nach Russisch, die bis heute für ein großes Interesse sorgt. Diese Rolle hatte das Deutsche nicht zuletzt auf Grund der Tatsache, daß es bedeutende deutschsprachige Gruppen in diesen Staaten gab und zum Teil noch gibt. Insgesamt aber ist Deutsch meist nur noch zweite oder dritte Fremdsprache nach Englisch und/oder einer weiteren Fremdsprache.


Buch 

Adam, Konrad (2000) Die Sprachkrankheit mit Namen BSE. Warum es sich lohnt, als Wissenschaftler Deutsch zu reden. In: FAZ 19.02.2000 Nr. 42, III
Comrie, Bernard & Matthews, Stephen & Polinsky, Maria (1998) Bildatlas der Sprachen. Ursprung und Entwicklung der Sprachen dieser Erde. Bechtermünz Verlag
Crystal, David (1995) Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Übersetzung und Bearbeitung der deutschen Ausgabe von Stefan Röhrich, Ariane Böckler und Manfred Jansen. Frankfurt/M. u. New York: Campus
Elling, Elmar (2001) Trends des Deutschlernens im Ausland. Münster (Sprachenzentrum PALM 04/01)
Finkenstaedt, Thomas & Schröder, Konrad (1992) Sprachen im Europa von morgen. Berlin u.a.: Langenscheidt
Grießhaber, Wilhelm (1998) Fremdsprachausbildung und Studienreform. Vortrag gehalten auf dem Gründungskolloquium des Sprachenzentrums am 3.7.98. Münster (Sprachenzentrum PALM 01/99)
Groeben, Hans von der (1991) In: ZEIT 16.08.91 Nr. 34/91
Hüllen, Werner (2001) Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Linguisten. Abschaumgeboren: Wie das Englische vom geringgeschätzten Außenseiter zur Weltsprache wurde. In: FAZ 01.03.01, Nr. 51, 60
Weitere Literatur