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Robinsohn /
Robinson |
Diversifikation: Konzept /
Modell /
Erläuterungen |
Lingua Franca Englisch |
[Lingua Franca Englisch | Voraussetzungen der RM | Aufstieg des Englischen | Grenzen des Englischen | Leben mit Englisch]
Englisch setzt sich weiter als Lingua Franca durch |
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Eine unvoreingenommene Betrachtung hat muß zur Kenntnis nehmen, daß sich der Zug zum Englischen als Lingua Franca seit den Homburger Empfehlungen (1979) und dem Vorschlag von Finkenstaedt & Schröder (1992) erheblich verstärkt hat: weitere internationale Institutionen und Weltkonzerne haben sich für das Englische als alleinige Arbeitssprache entschieden, so die Europäische Zentralbank in Frankfurt, Daimler-Chrysler oder der westfälische Logistikkonzern Fiege, der Englisch zur Unternehmenssprache macht (FAZ 03.03.03), beim Puppenhersteller Zapf Creaton wurde zum ersten Mal eine Aktionärshauptversammlung einer deutschen Aktiengesellschaft auf Englisch abgehalten, weil drei spanische Investmentbanker als Aufsichtsratsmitglieder des Deutschen nicht ausreichend mächtig waren (FAZ 23.08.06) usw.; derartige Prozesse vollziehen sich weltweit: nach der Übernahme durch die französische Renault wurde bei der japanischen Nissan Englisch als Arbeitssprache des Vorstands eingeführt; auch hinsichtlich der Sprachbeherrschung durch Fremdsprachvermittlung hat das Englische erheblich an Verbreitung gewonnen, auch in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (s. Gnutzmann 2006). |
Voraussetzungen für das Modell der Rezeptiven Mehrsprachigkeit (RM) | |
Funktionsweise |
möglichst viele Muttersprachler sprechen ihre Muttersprache, die von ihren Gesprächspartnern verstanden wird, die Hörer ihrerseits anworten in ihrer Muttersprache; als Grundlage dienen die eng verwandten Sprachfamilien, zwischen denen leicht eine Verständigung erreichbar ist (→ Karte). Allerdings funktioniert das RM-Modell in der Wirklichkeit nicht symmetrisch, sondern begünstigt die Sprecher großer Sprachfamilien mit starkem Bezug zum Lateinischen, d.h. insbesondere Englisch und - deutlich schwächer - Französisch, während es die Sprecher kleiner Sprachen benachteiligt. |
Große Sprachen |
Ein Sprecher des Italienischen kann sich nach dem RM-Modell mit Sprechern des Französischen, Portguiesischen oder Spanischen verständigen; im Verkehr mit Sprechern der drei anderen großen Sprachfamilien (Deutsch-Germanisch, Englisch und Slawisch) müßte er für eine erfolgreiche Kommunikation jeweils mindestens eine der Sprachen rezeptiv beherrschen. |
Randsprachen |
Ein Sprecher des Ungarischen müte dagegen vier Sprachen rezeptiv beherrschen, um seine Partner verstehen zu können; andererseits kann er nicht damit rechnen, daß einer seiner Partner Ungarisch versteht, er müßte also mindestens eine der großen Sprachen auch aktiv produktiv beherrschen - also einen wesentlich höheren Fremdsprachlernaufwand betreiben als seine Gesprächspartner. Für ihn und Sprecher ähnlicher Randsprachen ist das Modell also weit weniger attraktiv als für Sprecher großer Sprachfamilien. Es überrascht deshalb nicht, daß sich die finnische Regierung während ihrer Präsidentschaft 1999 auf Kosten des Deutschen für eine Reduzierung der Zahl der Arbeitssprachen in der EU einsetzte und damit einen gewaltigen Eklat provozierte (→ Stellung des Deutschen in Finnland). Das Modell wirkt asymmetrisch. |
Verwandte Sprachen |
Für nahe verwandte Sprachen kann das Prinzip der Rezeptiven Mehrsprachigkeit ein gangbarer Weg in einen enger verflochtenen Austausch sein. Beispiele dafür sind die skandinavischen Sprachen (s. Braunmüller 2006, Zeevaert 2007). Auch bei den eng verwandten germanischen Sprachen Deutsch und Niederländisch kann das Modell der RM in institutionellen Zusammenhängen produktiv genutzt werden (s. Ribbert & ten Thije 2007). Inwieweit es auch auf alltägliche Kommunikation anwendbar ist, ist noch zu erforschen. |
Voraussetzungen |
Damit das Modell in der Kommunikationswirklichkeit funktionieren kann, müßten also die Sprecher der großen europäischen Sprachfamilien (Deutsch-Germanisch, Englisch, Romanisch und Slawisch) jeweils ausreichende passive Kenntnisse in mindestens einer Sprache aus den anderen drei Sprachfamilien erwerben; die Sprecher der Randsprachen müßten jeweils rezeptive Kenntnisse in einer der drei großen Sprachen und produktiv aktive Kenntnisse in mindestens einer Sprache erwerben. Bis zu diesem Zustand müßte vom jetzigen Status quo aus ein Weg dahin gebahnt werden, d.h. es müßte eine erhebliche volksbildnerische Anstrengung unternommen werden, um Millionen von Europäern mindestens rezeptive Kenntnisse in zwei europäischen Sprachen zu vermitteln. Bei einer Erhebung zum Europäischen Jahr der Sprachen 2001 zeigte sich, daß 47% der EU-Bürger nicht über Fremdsprachenkenntnisse verfügten (→ Grafik). Dabei ist zu berücksichtigen, daß gerade von den Sprechern der großen Sprachen weit mehr als die Hälfte überhaupt nicht über Fremdsprachkenntnisse verfügen. Ohne eine entsprechende Bildungsoffensive muß das RM-Modell als charmante Idee ohne breite praktische Relevanz betrachtet werden. Bei dieser ernüchternden Bestandsaufnahme ist noch nicht berücksichtigt, daß das sich das Englische in weiten Bereichen schon als Linga Franca etabliert hat. Dafür - etwa in der Wissenschaft (s. z.B. Ammon 1998, Swales 1990) - mit dem RM-Modell einen Ersatz zu finden, dürfte sehr schwer fallen, da dann auch noch die Masse der Forscher in Übersee (Amerika, China, Japan, …) dafür gewonnen werden müßte, sich in mindestens jeweils einer der drei nicht-englischen großen europäischen Sprachen Lesekenntnisse anzueignen (zur geringen Bereitschaft amerikanischer Linguisten, sich mit deutschen Texten zu beschäftigen s. Klein 1985). In den sich global ausbreitenden Wirtschaftsunternehmen erscheint das RM-Modell kaum funktional. Fast alle gemischt zusammengesetzten Einrichtungen operieren mit einer einheitlichen Verfahrenssprache. Am Beispiel des Europäischen Gerichtshofs läßt sich dies illustrieren: zwar hat jeder Bürger das Recht, sich in seiner Sprache an das Gericht zu wenden und auch in dieser Sprache das Urteil zu erhalten; intern wird das Verfahren jedoch ausschließlich auf Französisch durchgeführt. Dies ermöglicht eine Verständigung der Richter mit verschiedenen Erstsprachen und die Rechtsprechung erhält eine einheitliche Grundlage für eine kontinuierliche Entwicklung. Aus ähnlichen Gründen setzt sich Englisch als Arbeitssprache internationaler Unternehmen durch. Schließlich müßte eine realistische Perspektive einkalkulieren, daß es für die Millionen englischer Muttersprachler unter den gegebenen Bedingungen nicht sehr attraktiv ist, sich mit Fremdsprachenlernen abzumühen, da ein englischsprachiges Kind mit der Fähigkeit zur Welt kommt, mit weit über einer Milliarde Menschen weltweit kommunizieren zu können. |
Aufstieg des Englischen zur Lingua Franca | |
Gesellschaftlich- historische Gründe |
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Sprachliche Eigenschaften |
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Konsequenz |
Wer Fremdsprachenlernen mit Englisch beginnt, tut sich mit dem Lernen weiterer Sprachen schwer. |
Grenzen der Lingua Franca Englisch | |
Wirtschaft |
Die Kommunikation in einer Sprache, die für beide Gesprächspartner nicht Erstsprache ist, schafft zwar eine Grundlage für eine elementare oder auch weiterreichende Verständigung, doch bei komplexen Sachverhalten, etwa bei technischen Fragen, wird dieses Verständigungsmittel von Beteiligten als nicht mehr ausreichend betrachtet: "Und man muss sich regelmäßig sehen und miteinander reden", ergäzt Eckerle. Wenn allerdings ein deutscher und ein ungarischer Techniker miteinander reden, "möchte ich nicht wissen, was das für eine Maschine wird". Und so werden trotz Englischkenntnissen Dolmetscher mit Fachkenntnissen gebraucht. "Jede Besprechung dauert dann zwar doppelt so lang", aber es lohnt sich, ist seine Erfahrung." (mir FAZ 11.07.07 über den mittelständischen Autozulieferer Eckerle über seine Erfahrungen mit MitarbeiterInnen in einem ungarischen Zweigwerk) |
Leben mit der Lingua Franca Englisch | |
Curricular |
Eine mehrsprachige gesellschaftliche Perspektive sollte zuvörderst die Sprachen attraktiv machen, durch Förderung der die in diesen Sprachen ausgedrückten anziehende Inhalte. Ein Beispiel dafür bietet die französische Filmförderung, die zur Etablierung einer konkurrenzfähigen Filmindustrie geführt hat. |
Wissen |
Langfristig ist wohl nicht mehr zu vermeiden, daß gesellschaftliches Wissen in bestimmten Wissenschaftsbereichen (vorwiegend den Naturwissenschaften, aber zunehmend auch den Gesellschaftswissenschaften) in Englisch entwickelt und kommuniziert wird. Dies hat schon dazu geführt, daß deutsche medizinische Publikationen in amerikanischen Datenbanken nicht ausreichend repräsentiert sind (s. Kaulen 2005). Eine aktive Sprachpolitik könnte verhindern, daß die Verbindung zu den nationalen Sprachen abgeschnitten wird, z.B. durch die Förderung der Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse in den Nationalsprachen. |
Übersetzung |
Schließlich sollte die Übersetzung von Werken gefördert werden, und zwar in beide Richtungen von den Nationalsprachen ins Englische/vom Englischen in Nationalsprachen und von den Nationalsprachen in andere Nationalsprachen. Leider ist auch schon ein kaum noch umkehrbarer Trend zur Basierung der Übersetzungen in und vom Englischen zu beobachten. Dies führt mittel- und langfristig zum Austrocknen nationalsprachlicher verlegerischer Tätigkeiten. |
Schule |
Im schulischen Bereich gehört Englisch mittlerweile zum Kernbereich der Curricula. Allerdings sollte im Fremdsprachenbereich darauf geachtet werden, nicht mit Englisch zu beginnen, um die Lerner nicht für andere Sprachen zu 'verderben'. Im Primarbereich sollte also eine andere Sprache als Englisch eingeführt werden. Ausreichende Englischkenntnisse können auch mit einer späteren Einführung vermittelt werden. Damit dies machbar ist, müssen insbesondere die Eltern, die für ihre Kinder eine gute Ausbildung wollen, von dieser Perspektive überzeugt werden. Deshalb legen die derzeitigen Bemühungen der Kultusministerien um einen früheinsetzenden Englischunterricht die vermeidbare Grundlage für die steigende Dominanz des Englischen. |
Chancen |
Aus der Internationalisierung erwachsen auch neue Chancen für die nationalen Sprachen. Hoch qualifizierte Akademiker aus den verschiedensten Ländern erledigen ihre wissenschaftliche Arbeit in sprachlich gemischten Teams zwar in Englisch, ihre Alltagskommunikation erfordert jedoch auch von ihnen Kenntnisse der Landessprache. Damit kann das Interesse von Menschen an der Landessprache und deren Kultur geweckt werden, die ohne Arbeitsmöglichkeit in der Lingua Franca Englisch nie in einen so engen Kontakt mit ihr gekommen wären. |
Braunmüller, Kurt (2006) Vorbild Skandinavien? Zur Relevanz der rezeptiven Mehrsprachigkeit. In: Ehlich, Konrad & Hornung, Antonie (Hgg.) (2006) Praxen der Mehrsprachigkeit. Münster u. New York: Waxmann, 11-29 |
© W. Grießhaber 2003-2008 |