Classroom Interaction Analysis Reparative Handlungsmuster - Verbalisierungsstrecke


Verbalisieren

"Verbalisieren heißt Umsetzen von Wissen." (Rehbein 1978, 7). Dabei wird ein präverbales Wissen, d.h. Wissen das noch nicht in verbaler Form vorliegt, in seine verbalisierte Form gebracht. Hayes & Flower 1980 sprechen beim Schreiben von der Übersetzung (translation) präverbaler Ideen in eine sprachliche Form.

Beim Verbalisieren wird flüchtiges Wissen zumindest kurzzeitig fixiert. Der Sprecher bringt präverbales Wissen in eine verbale Fassung. Dabei erarbeitet er sich Wissen in verbalisierter Form.

 

Verbalisieren im Diskurs

Die Verbalisierung erfordert vom Sprecher nicht irgendeine Umsetzung des Wissens, die er für sich selbst vornimmt, sondern eine, die das Wissen des Hörers berücksichtigt, eine, die dem Hörer das Wissen in einer verarbeitungsadäquaten Form präsentiert. So kann man von einem zurückliegenden Ereignis berichten oder erzählen, beides sprachlich sehr verschiedene Formen der Verbalisierung vergangener Ereignisse. Im Fremdsprachenunterricht werden - wie in (B2) oben - meist assertive Handlungen durchgeführt, bei denen ein Sachverhalt versprachlicht wird.

 

Erwerb von Wissen

Lernen beruht auf der Fixierung von Wissenspartikeln und der Umsetzung der fixierten Partikel in eine diskursiv höreradäquate Form. Bei der Prozessierung von Wissen im Diskurs wird rückblickend auch verbalisiertes Wissen dieses Wissen in seiner präverbalen Form kurzfristig gespeichert. So erfolgt auch der Erwerb einer Fremdsprache:
"Der Sprecher baut Fragmente der fremden Sprache in das handlungsmäßig relevante Diskurswissen ein; das Verbalisierungsprodukt wird in das Diskurswissen eingelagert und stellt in dieser Form wiederum eine Stufe zur Aneignung des Wissens dar." (Rehbein 1978, 7f.)

 

Verbalisierungs- strecke
Beispiel

Zur Verbalisierung einer komplexen Äußerung benötigt der Sprecher einen Zielfokus, der ihn über die verschiedenen Einzelschritte zum Ziel führt. Der Sprecher kontrolliert seine bereits gemachten Äußerungen permanent, ob sie vom Hörer adäquat mitverfolgt werden und nimmt gegebenenfalls Änderungen an seinem ursprünglichen Plan vor. Oder er verschiebt während der Verbalisierung seinen ursprünglichen Plan. Die Gesamtheit dieser Prozesse zur Erreichung eines sprachlichen Handlungsziels nennt Rehbein (1978, 8) "die Strecke der Verbalisierung".

 

Intervention

Bei reparativen Handlungsmustern ist die Verbalisierungsstrecke noch nicht vollständig zurückgelegt, der Sprecher befindet sich noch im Prozeß der Umsetzung präverbalen Wissens in seine verbale Form.
Unmittelbar an eine Äußerung verliert der Sprecher in der Regel den ursprünglichen handlungsleitenden Fokus und kann sich an einzelne Formulierungen seiner eben gemachten Äußerung nicht mehr erinnern.

… nach der Verbalisierung

Wenn der Hörer/Lehrer nach dem Ende der Verbalisierung interveniert, kann der Sprecher diese Intervention nur schwer auf seine gerade eben gemachten Äußerungen beziehen. Er kann die fehlerhafte Stelle nicht mehr identifizieren und mit seinem Sprecherplan in Verbindung bringen. Die Möglichkeit zum Erwerb fremdsprachlicher Mittel ist sehr eingeschränkt.

… während der Verbalisierung

Erfolgt die Intervention des Hörers/Lehrers dagegen während der Verbalisierung, besteht für den Sprecher noch die Möglichkeit, die Intervention auf seinen Sprecherplan und die sprachlichen Mittel zu seiner Realisierung zu beziehen (s. o. B2). Es besteht die Möglichkeit zum Erwerb fremdsprachlicher Mittel.


Buch 

Hayes, John & Flower, Linda (1980) Identifiying the organization of writing processes. In: Gregg, L. W. & Steinberg, E. W. (eds.) Cognitive Processes in Writing. Hillsdale: Erlbaum, 3-30
Rehbein, Jochen (1978) Reparative Handlungsmuster und ihre Verwendung im Fremdsprachenunterricht. In: ROLIGpapir 34/1984. Roskilde: Universitetscenter