BmS: Thesen zum muttersprachlichen Lernen (Weisgerber 1990)


  1. Das Erlernen einer Fremdsprache in der Grundschule basiert - im Gegensatz zum Bilingualismus im engeren Sinne - auf dem bereits erfolgten und in den Grundzügen abgeschlossenen Erwerb der Muttersprache. Die in der Erstsprache gewonnene Weltorientierung sowie die angeeigneten Grundformen sprachlichen Handelns werden daher zunächst auf die Zweitsprache übertragen.
     
  2. Das Erlernen einer zweiten Sprache beendet die monoglotte Phase in der Sprachentwicklung des Kindes und führt es notwendigerweise zur Sprachreflexion.
     
  3. Bei der Begegnung mit Fremdsprachen in der Grundschule sind verschiedene Stufen mit ihren jeweils eigenen Möglichkeiten und Schwierigkeiten zu unterscheiden:
    • spielerisches Aufgreifen fremdsprachlicher Texte (Lieder, Reime …), Wendungen und Sprachelemente
    • Erfahren des Fremdheitscharakters anderer Sprachen (verbunden mit dem Reiz des bisher Unbekannten)
    • Vergleich und Konfrontation mit der eigenen Muttersprache
    • "natürlicher" Umgang mit der Fremdsprache, "ungesteuertes" Erwerben in Gesprächs- und Lebenssituationen
    • systematisches, grammatikgestütztes Lernen
    • Auswirkungen auf das Verhältnis zur Muttersprache:
      Grammatik, Semantik, Sprachereflexion, Sprachkritik.
       
  4. Eine sinnvolle Planung des Fremdsprachenunterrichts in der Grundschule basiert auf:
    • "Grundsituationen" (auf sprachliche Verarbeitung angewiesene Situationen aus dem Erlebnisbereich des Kindes)
    • einem "Grundwortschatz" (im inhaltlichen Zusammenhang)
    • einer "Grundgrammatik", die stufenweise ausgebaut werden kann. (Für das Deutsche gehört beispielsweise das Präteritum nicht zu dieser Grundgrammatik.)
       
  5. Fremdsprachlicher Unterricht führt schon in der Grundschule notwendiger- und konsequenterweise zum Sprachvergleich auf den verschiedenen linguistischen Ebenen:
    • Phonologie: Phonembestand, Aussprache: Je früher ein Kind eine fremde Sprache lernt, um so leichter fällt es ihm auf diesem Gebiet.
    • Morphologie: Beispiel: synthetische und analytische Formenbildung (Casus)
    • Syntax: Beispiel: feste Wortstellung im Englischen oder Französischen (SPO) im Gegensatz zur "denkbedingten" Satzgliedfolge im Deutschen (Umstellprobe, Ursachen)
    • Semantik: Von besonderer Bedeutung: Erkennen und Erproben der semantischen Reichweite der Wörter (im Wortfeld)
      Beispiel: dito, doigt vs. Finger/Zehe, Glück vs. fortuna, felicita oder suerte, felicidad
       
  6. Fremdsprachlicher Unterricht in der Grundschule ist nur zu verantworten, wenn es gelingt, die Kinder dafür zu motivieren, Interesse an Sprache und Freude am Umgang mit ihr zu wecken.
     
  7. Die Basis für den Unterricht ist deshalb spielerisches Lernen, Umgang mit Texten (Lieder usw.).
     
  8. Es erscheint nicht sinnvoll, die Fremdsprachenkenntnisse von Grundschülern zum Gegenstand der Leistungsbewertung zu machen.
     
  9. Das durch die Fremdsprache geweckte Interesse des Kindes kommt der Muttersprache zugute. Unbedingt erforderlich erscheint die Integration von fremd- und muttersprachlichem Unterricht unter den übergreifenden Gesichtspunkten und Zielen der Sprachbildung.
     
  10. Wichtigste Ziele diese übergreifenden Sprachunterrichts sind:
    • Wecken des Interesses an Sprache und Sprachen
    • Motivation zum Erwerb und Gebrauch von Mutter- und Fremdsprache
    • Hinführung zu Einsichten in die Vielfalt der Sprachen als unterschiedliche, sich ergänzende und bereichernde Formen der geistigen Weltbewältigung
    • Erziehung zu sprachlicher Verständigung und Toleranz
       

Zur Praxis der Sprachreflexion s. Unterrichtsausschnitt zum Thema → Löwe-lion


LiteraturWeisgerber, L. (1990) 10 Thesen zum fremdsprachlichen und muttersprachlichen Lernen in der Grundschule. In: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Comprehensive Newsletter, Soest 1990, 30-31