W. Grießhaber
Examenstips Arbeitstechniken zum Schreiben einer Hausarbeit
 

Überblick | Arbeitstechniken: Hausarbeit / Klausur / MAP-Klausur | Zitierübungen Zitierübungen | EPS EPS | Sprechstunden Sprechstunden | E-Mail e-mail |


[ Quellenwahl | Einstieg | Aufarbeitung | Bewertung | Auswahl | Konsistenz | Plausibilität | Zitieren | Schreibberatung ]


Quellenwahl

Viel zu häufig kann man sehen, daß eine ungeeignete Quelle zur Grundlage der Ausführungen genommen wurde. Was ist darunter zu verstehen?

Bei einer Arbeit zu Deutsch als Zweitsprache ist es sicher gut, zunächst Zweitspracherwerb und Zweitspracherwerbsprozesse zu behandeln, um eine Grundlage für die spätere Behandlung einzelner Aspekte zu legen. Nun stehen die VerfasserInnen vor dem Problem, daß es nicht nur eine kaum überschaubare Literatur dazu gibt, sondern daß es auch sich teilweise diametral entgegengesetzte Positionen gibt und daß manche AutorInnen im Laufe ihres wissenschaftlichen Werdegangs ihre Positionen geändert haben. Wie soll man nun vorgehen?

Ein weiteres typisches Problem besteht darin, daß Studierende häufig irgendwelche 'griffig formulierte' Quellen zitieren, ohne zu berücksichtigen, ob die gewählten Quellen einschlägig sind. So wird z.B. zur Bestimmung des Begriffs 'Zweisprachigkeit' ein älterer Aufsatz zu Filmnacherzählungen zitiert, in dem die Position, die man darstellen möchte, griffig formuliert wird. Dabei wird nicht berücksichtigt, daß sich dieser Beitrag nur am Rande mit den Problemen der Definition von Zweisprachigkeit beschäftigt. Besser wäre es in diesem Fall, in einem Lexikon der Sprachwissenschaft nachzuschauen (z.B. Metzler Lexikon Sprache, H. Bußmann oder Cambridge Enzyklopädie der Sprache) und sich dann einen oder zwei wissenschaftliche Überblicksartikel aus Handbüchern genauer anzuschauen, die dann zitiert werden können.

Das Internet bietet hervorragende Recherchemöglichkeiten. Seien Sie jedoch vorsichtig bei amerikanischen Datenbanken. In ihnen sind europäische Quellen absolut unterrepräsentiert, selbst englischsprachige aus Deutschland. Es genügt auf keinen Fall, sich vor allem auf diese Quellen zu verlassen. Selbst die Library fo Congress des amerikanischen Senats bringt mehr deutschsprachige Quellen.
 


Einstieg

Zunächst sollte man sich einen Überblick verschaffen:

  • sog. state of the art Artikel eignen sich gut dafür; ein mit der Materie vertrauter Autor gibt zu einem bestimmten Thema für einen Zeitraum einen Überblick über die Fragestellungen der Forschung, die hauptsächlich verwendeten Forschungsmethoden und die wesentlichen theoretischen Ansätze sowie die Ergebnisse und (noch) offenen Fragen; derartige Beiträge finden sich üblicherweise in Fachzeitschriften oder Handbüchern (zum Schriftspracherwerb z.B. Scheerer-Neumann 1998);
     
  • Einführende Monographien / Studienbücher: diese Schriften versuchen in der Regel, gründlich und verständlich in einen Themenbereich einzuführen; sie gliedern den Bereich, stellen die Entwicklungslinien und die Hauptströmungen vor, oft enthalten sie auch Übungen, mit denen man das Verständnis im Selbststudium überprüfen kann (z.B. zur Syntax Dürscheid 2003); man sollte dabei nie vergessen, daß kein Überblick und keine Einführung neutral ist, jeder Autor hat seinen eigenen Standpunkt, von dem aus er auswählt, gewichtet und bewertet.
     
  • Auf der Grundlage dieser Informationen sollte man die hauptsächlichen Fragen und Positionen nach Jahreszahlen und AutorInnen ordnen, stichwortartig notieren und zueinander in Beziehung setzen; dadurch erhält man eine Vernetzung isolierter oder sich widersprechender Positionen, man erkennt auch, wie sich Fragestellungen im Laufe der Zeit entwickelt und verändert haben; dadurch läßt sich die weitere Literaturarbeit besser und gezielter fokussieren und ausrichten (Beispiel zum Begegnungssprachkonzept / Frühen Fremdsprachunterricht → hier).
     
  • Auf der Grundlage der geordneten Positionen kann man nun eine Liste der Werke, Artikel und Bücher zusammenstellen, die genauer durchgearbeitet werden; mit der Themen- und Frageliste kann man auch umfangreiche Werke gezielt durcharbeiten, ohne sie von vorne bis hinten lesen zu müssen.

 

Aufarbeitung

Die wichtigste Regel bei der Aufarbeitung lautet: Quellenstudium! D.h. die grundlegenden Positionen sollte man sich immer anhand von Originalpublikationen erarbeiten. Nur wenn man die Arbeiten im Original liest, weiß man wirklich, was in der Quelle steht, in welche Argumentation das Thema eingebettet ist und wie der Autor seine Ergebnisse einschätzt.

Wenn man nicht an die Quelle kommt und eine Position aus zweiter Hand bearbeitet, sollte man immer die verwendete Sekundärquelle und die dort angegebene, aber nicht eingesehene Primärquelle nennen, damit sich der Leser ein Bild machen kann.

 

Die nächstwichtigste Regel bei der Aufarbeitung besteht darin, grundlegende Positionen direkt anhand der Vertreter dieser Positionen bearbeiten und nicht aus zweiter Hand über andere Arbeiten. Die sekundären Arbeiten mögen zwar bei der Strukturierung, Erschließung und sogar zum Verständnis der Primärpositionen hilfreich sein, sie sind aber ihrerseits eine Interpretation der Quelle! (Typisch dafür ist z.B. der Aufsatz von Voss 1997 zur primaren FS-Vermittlung, in dem er einfach eine Sprache des nordrhein-westfälischen Begegnungssprachenkonzepts unter den Tisch fallen läßt, weil dies für ihn nicht wichtig war und er nicht den Anspruch hatte, einen umfassenden und präzisen Überblick über die Konzepte zu geben.)


Bewertung

Die Bewertung der Literatur ist ebenfalls ein wichtiger Schritt; immer wieder kann man feststellen, daß in Hausarbeiten schlecht geeignete Werke verwendet wurden; man kann den Eindruck bekommen, daß die Auswahl der Werke sich nach ihrem Angebot an 'griffigen Zitaten' richtet. Woran kann man die (Nicht-)Eignung eines Werkes erkennen?

  • Werden Primärquellen verwendet? Graf & Tellmann 1997 stellen wichtige Positionen (ob von Chomsky, Piaget oder anderen) ohne jeden Bezug zu den Originalquellen dar; ein solches Werk mag die Positionen zwar durchaus treffend und kompakt darstellen, als Grundlage für die wissenschaftliche Darstellung der behandelten Positionen und eine Auseinandersetzung mit ihnen ist es denkbar schlecht geeignet.
     
  • Wurde sorgfältig gearbeitet? Wenn z.B. wichtige Namen falsch geschrieben sind (z.B. *Pennfield statt Penfield in Graf & Tellmann 1997), dann ist Vorsicht angebracht.
     
  • Hat das Werk eine unabhängige Begutachtung durchlaufen, bevor es gedruckt wurde? Die meisten Zeitschriften haben einen wissenschaftlichen Beirat zur Begutachtung eingesandter Beiträge, so daß die veröffentlichten Beiträge in der Regel wissenschaftlichen Publikatonsstandards genügen. Bei Buchreihen in Verlagen ist dies nicht unbedingt die Regel; wenn es sich bei einer Publikation um eine Dissertation handelt, wurde sie von mindestens zwei Gutachtern bewertet und genügt in der Regel auch wissenschaftlichen Standards - allerdings zeichnen sich gerade Dissertationen nicht durch allergrößte Lesbarkeit und Verständlichkeit aus, weshalb sie wohl von Studierenden eher links liegen gelassen werden; andere Werke erscheinen letztlich ohne externe Begutachtung und Lektorierung (so anscheinend die Arbeit von Graf & Tellmann 1997), so daß bei ihrer Verwendung Vorsicht angeraten ist.
     
  • Ist der Verfasser in dem Thema ein ausgewiesener Experte? Es überrascht immer wieder, wie Studierende ein hochkomplexes Thema anhand eines einführenden Werkes darstellen und abhandeln, ohne daß der ausgewählte Autor auf dem betreffenden Gebiet als Experte ausgewiesen oder anerkannt wäre. Was bedeutet das? Im Zusammenhang mit psycholinguistischen Themen stehen z.B. kommentarlos Verweise aus Werken der (experimentellen) Psychologie neben Zitaten aus einführenden linguistischen Werken, deren Verfasser die Themen behandeln, weil sie eben zu einer Einführung in das Gebiet gehören. Wenn man experimentelle Arbeiten zum Einfluß des Alters auf den Zweitspracherwerb behandelt, sollte man unbedingt die Originalarbeiten zugrunde legen und alle relevanten Positionen, nicht nur die von einem Autor getroffene Auswahl - zur Stützung seiner Position - berücksichtigen. Dann sollte man die Expertise der Autoren einschätzen: also, haben sie selbst am offenen Gehirn operiert oder Experimente mit Computertomographen durchgeführt oder beziehen sie sich direkt oder indirekt über andere Arbeiten auf solche Arbeiten? Haben die Autoren selbst empirisch zum Zweitspracherwerb gearbeitet und wie sind ihr Ansatz und ihre Resultate? Das alles zählt zu den Aspekten wissenschaftlichen Arbeitens.


Auswahl

Immer wieder werde ich nach der Zahl der Werke im Literaturverzeichnis gefragt. Die Antwort ist im Kern immer dieselbe: die für das Thema relevante Literatur. Die Zahl hängt vom Thema und von der Art der Bearbeitung des Themas ab. Es sollten auf jeden Fall die Grundpositionen vertreten sein.

Manche Studierenden sind anscheinend der Meinung, sie könnten ihren Arbeitseinsatz dadurch beweisen, daß sie zu den veröffentlichten Literaturempfehlungen noch weitere Arbeiten zitieren. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, solange die neu eingeführten Werke für das Thema relevant sind. Genau daran mangelt es jedoch oft, da es sich meist um (kleinere) Arbeiten handelt, die eine grundlegende Position zu einem bestimmten Anlaß wieder in einer auf eine bestimmte Rezipientenschaft abgestimmten Weise noch einmal darstellt. Wenn eine solche Arbeit also berücksichtigt wird, sollte unbedingt klar sein, warum sie zusätzlich zu den grundlegenden Werken eingeführt wird - das vermisse ich dann in der Regel. Es ist also wichtiger, die Positionen zu verstehen und in einen dem Thema entsprechenden Zusammenhang zu stellen. Die Arbeit an der Gliederung und Zuspitzung der Argumentation ist viel wichtiger als die Einführung eines weiteren Titels in die Literaturliste.


Konsistenz

Die Arbeit an der logischen Konsistenz der Ausführungen ist viel wichtiger als die Erweiterung der Literaturliste. Die Argumentation sollte insgesamt logisch widerspruchsfrei sein.

In einer Arbeit zum Zweitspracherwerb sollte man also die Bedeutung des Lernalters in sich stimmig behandeln, obwohl die vorliegenden Forschungsergebnisse sich teilweise widersprechen und das Thema in der Forschungsliteratur durchaus kontrovers diskutiert wird. Wie kann man das erreichen? Wenn man z.B. in einem Kapitel zu den Eigenschaften von Zweitsprachlernen feststellt, daß empirisch erwiesen Ältere (Jugendliche und Erwachsene) im Bereich Morphologie und Syntax schnellere Fortschritte machen als Grundschulkinder, dann sollte man nicht anschließend in einem Kapitel zu den Zweitspracherwerbstheorien schreiben, daß bewiesen sei, daß Migrantenkinder die Zweitsprache wesentlich eher und besser lernen als ihre Eltern (Erwachsene). Hier liegt ein Widerspruch vor. Wie kann es zu solchen Widersprüchen kommen und wie kann man sie vermeiden?

Wenn man z.B. die Forschungsergebnisse nicht aus den Primärquellen, sondern aus zweiter Hand hat, kann man ihre Voraussetzungen und ihre Aussagekraft nicht beurteilen. Mit diesen Hintergrundinformationen ließe sich der Widerspruch möglicherweise auflösen. Möglicherweise ist man auch bei der Erarbeitung der Positionen nicht präzise genug vorgegangen und hat es versäumt, die Positionen und Forschungsergebnisse - durchaus schematisch - aufzulisten und gegenseitig in Beziehung zu setzen. Man muß also auch eine Beziehung über Kapitelgrenzen hinaus herstellen.

Ein weiterer Aspekt der Konsistenz betrifft die Kohärenz der vertretenen Positionen. Viele AutorInnen vertreten in verschiedenen Abschnitten ihrer Arbeiten Positionen, die sich widersprechen, ohne daß sie dies merken. Ein Beispiel: wenn man im Zusammenhang mit der frühen Fremdsprachvermittlung bei den Lernvoraussetzungen die Position vertritt, daß Kinder im Grundschulalter wenig Hemmungen haben, sich spontan in einer Fremdsprache mit anderen Sprechern zu unterhalten, so stimmt das einerseits nur teilweise (s. z.B. Rück 1990); andererseits sollte man dann nicht in einem späteren Abschnitt bei didaktisch-methodischen Fragen davon ausgehen, daß die oben als motiviert und sprechfreudig eingeschätzten Kinder eine Hilfe, z.B. eine Handpuppe, benötigen, um ihre Sprechscheu zu überwinden. Diese Positionen passen nicht zusammen: entweder sind Kinder sprechfreudig, dann benötigt man auch keine Hilfen zur Überwindung einer nicht vorhandenen Sprechscheu, oder die Kinder sind - zumindest im Unterricht(!) - doch nicht so sprechfreudig, wie zunächst behauptet, so daß man tatsächlich geeignete Verfahren zur Überwindung der Sprechscheu benötigt. Also: lesen Sie Ihre Arbeit mit etwas Abstand noch einmal unter dem Aspekt der Konsistenz und Widerspruchsfreiheit durch! Der Aufwand lohnt sich.

 

Plausibilität

Bei der Bewertung einer Position lassen sich viele - so mein Eindruck - zu sehr davon leiten, ob sie eine Position plausibel finden, ohne nüchtern zu prüfen, ob das Plausible auch stimmt. So war ja auch die Erkenntnis, daß die Erde eine Kugel und keine Scheibe ist, zunächst nicht sehr plausibel, 'geht' doch die Sonne 'auf' und 'unter', während man die Kugelgestalt mit den eigenen Sinnen nicht unmittelbar wahrnehmen kann. Hier war es auch notwendig, vertraute und plausible Sichtweisen aufzugeben, um sich vorurteilslos mit den ermittelbaren Fakten zu beschäftigen, auch wenn sie der unmittelbaren Erfahrung widersprechen. Das unterscheidet letztlich wissenschaftliches Arbeiten von alltäglichem Beobachten.


Zitieren

Um Probleme im Zusammenhang mit dem Zitieren zu vermeiden, empfehle ich nachdrücklichst die → Übungen zum Zitieren.

 

Beratung

Haben Sie schon daran gedacht, einen Kurs in der → Schreibwerkstatt am Sprachenzentrum zu besuchen, um sich bei der Erstellung einer Hausarbeit beraten zu lassen?


Literaturhinweise
  • Beinke, Christiane & Brinkschulte, Melanie & Lothar, Bunn & Thürmer, Stefan (2008) Die Seminararbeit: Schreiben für den Leser. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft UTB
    Schwerpunkt: Geistes- und Sozialwissenschaften - mit vielen konkreten ausführlich analysierten Beispielen
  • Bußmann, Hadumod (20023) Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Kröner
  • Crystal, David (1995) Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Übersetzung und Bearbeitung der deutschen Ausgabe von Stefan Röhrich, Ariane Böckler und Manfred Jansen. Frankfurt/M. u. New York: Campus
  • Dürscheid, Christa (20032) Syntax. Grundlagen und Theorien. 2. durchgesehene und aktualisierte Auflage Wiesbaden: Westdeutscher Verlag
  • Glück, Helmut (Hg.) (1993) Lexikon Sprache. Stuttgart: Metzler
  • Graf, Peter & Tellmann, Helmut (1997) Vom frühen Fremdsprachenlernen zum Lernen in zwei Sprachen. Schulen auf dem Weg nach Europa. Frankfurt/M. u.a.: Lang
  • Grießhaber, Wilhelm (1999) Linguistik light. Argumentative Wissenschaftsprosa in Einführungen. In: Bührig, K. & Grießhaber, W. (Hgg.) Sprache in der Hochschullehre. OBST 59/99, 71-91
  • Redder, Angelika (Hg.) (2002) "Effektiv studieren". Texte und Diskurse in der Universität. OBST Beiheft 12/2002 (Internet Infos)
  • Rück, Heribert (1991) Zur Methodik des Französischen in der Grundschule. In: Praxis des neusprachlichen Unterrichts 38/91, 11-20
  • Scheerer-Neumann, Gerheid (1998) Schriftspracherwerb: "The State of the Art" aus psychologischer Sicht. In: Huber, L. & Kegel, G. & Speck-Hamdan, A. (Hgg.) Einblicke in den Schriftspracherwerb. Braunschweig: Westermann, 31-46
  • Voss, Bernd (1997) Positionen, Probleme, Perspektiven fremdsprachlichen Lernens in der Grundschule - Ein Überblick. In: Reichel, K. & Sandfuchs, U. & Voss, B. (Hgg.) Fremdsprachen in der Grundschule. Bad Heilbrunn, 21-43
  • weitere Literatur