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Zugänge |
Seit einiger Zeit wird in der Linguistik von etlichen AutorInnen der Begriff 'Text' für jede Äußerung verwendt, unabhängig davon, um welche Modalität von Äußerungen es sich handelt (so schon Engel 1988). In einem jüngeren Sammelband zu dem Thema "Brauchen wir einen neuen Textbegriff?" (Fix u.a. 2002) wird oft unter Rückgriff auf historische und/oder sozialwissenschaftliche Forschungen der Ansatz vertreten, alle vorfindbaren Äußerungen als 'Text' zu fassen. Vom Standpunkt dieser Disziplinen aus gesehen mag dies eine sinnvolle Bestimmung sein, um z.B. die Entwicklung eines Themas über eine Zeit und verschiedene gesellschaftliche Gruppen hinweg zu verfolgen. Dabei wird sogar ein zentrales Moment des auf das Lateinische zurückgehenden Begriffs 'Text' getroffen, nämlich die gewebte Struktur, bei der die Struktur eines Gewebes das Gewebe als solches kennzeichnet und ihm eine bestimmte Form aufprägt. Für linguistische Untersuchungen führt der grenzenlose Textbegriff jedoch in eine Aporie (s. z.B. die verschiedenen Definitionen von Vater 1994, der vorführt, welche Schwierigkeiten eine formale Definition aufwirft). |
Pragmatik |
Unter linguistischen Gesichtspunkten ist ein Textbegriff erforderlich, der sich primär auf sprachliche Sachverhalte bezieht. Dabei sind folgende Beobachtungen grundlegend:
Daraus resultieren einige Fragen:
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Kohärenz & Kohäsion |
Unter linguistischen Gesichtspunkten erweist sich die Organisierung der propositonalen Gehalte als zentraler Aspekt zur Bestimmung der Textualität einer Folge von Äußerungen: Gerade psycholinguistische Experimente mit ihrer 'Verdunkelung' derartiger Informationen (→ Bransford & Johnson 1972) zeigen, daß der Rezipient die gebotenen Informationen unter dem Gesichtspunkt der Herstellung einer Kohäsion der rezipierten Informationen und der Kohärenz mit angenommenen außersprachlichen Informationen verarbeitet. Er sucht nach einer Verkettung der propositionaler Gehalte und stellt sie selbst her. Auch in der Erforschung des Zweitspracherwerbs zeigen sich solche Phänomene der Kohärenzkonstruktion. Rehbein 1982 zeigt, wie türkische Kinder einem nicht wirklich verstandenen Ausschnitt aus einer Muppet-Show Episode ein vertrautes Erklärungsmuster unterschieben und eine Szene aus einem Labor als Essenszene oder interpretieren. |
Verkettung |
Ein Text ist somit vor allem dadurch gekennzeichnet, daß er eine Folge von Propostionen enthält, die miteinander verkettet sind. Die Verfahren der Verkettung sind abhängig von den Mitteln der Sprache und der Art des Textes, seiner kommunikativen Funktion. Mit dieser Bestimmung können auch mündliche Äußerungen ein Text sein, nämlich dann, wenn sie Folgen verketteter propositionaler Gehalte bilden. Beispiele sind Predigten, Vorträge, Reden oder Erzählungen. Bei diesen 'Großformen' des Sprechens ist die Textualität offenkundig. Bei alltäglichen Gesprächen ist jedoch jeweils analytisch zu entscheiden, ob ein Text im oben vorgeschlagenen Sinn vorliegt. Auch bei schriftlichen Äußerungen läßt sich mit dem Verkettungs-Kriterium die Textualität bestimmen: einem Einkaufszettel mit einer Folge von Positionen, Produktnamen usw. fehlt das Kriterium der Verkettung, auch wenn Schreiber und Leser die Liste von Äußerungen in einem kohärenten Zusammenhang sehen. Diesen Elementen fehlt die Verankerung im Diskurs, die im Deutschen mittels eines Prädikats realisiert wird. Dadurch bleiben die Äußerungen freischwebend, sie müssen vom Rezipienten in einen Zusammenhang gebracht werden, der von den Äußerungen selbst nicht gesteuert wird. Hier handelt es sich um eine Art der empraktischen Sprachverwendung (Bühler 1934). Ähnlich sind z.B. fragmentarisierte schriftliche Informationen auf Produktverpackungen zu sehen (vgl. Schmitz 1988). |
Bransford, J. D. & Johnson, M. K. (1972) Contextual prerequisites for understanding: Some investigations of comprehension and recall. In: Journal of Verbal Learning and Vertbal Behavior 11/72, 717-726 |
© W. Grießhaber 2004-2005 |