Text Text als Mittler in einer zerdehnten Sprechsituation (Ehlich 1984)


Kommunikation

Bei der direkten Kommunikation zwischen einem Sprecher und einem kopräsenten Hörer bilden die Schallwellen die materiellen Träger der Verständigung mittels Sprache. Kommunikation ist darauf angewiesen, daß sie sich jeweils hören können. Sonst funktioniert die Verständigung nicht.
Mit modernen technischen Verfahren der Übertragung von Schallwellen kann man Sprecher und Hörer räumlich trennen - z.B. Telefon; Sprecher und Hörer sind gleichzeitig präsent.

Diese Kopräsenz kann durch einen Boten zerdehnt werden, der die Worte des Sprechers aufnimmt, speichert und dem entfernten Hörer gegenüber wieder so äußert, als ob der Sprecher sie äußern würde.
Einen ähnlichen Effekt kann man mit Verfahren zur technischen Konservierung von Schallwellen erreichen - z.B. Schallplatten, CDs, Tonband; Sprecher und Hörer können räumlich und zeitlich voneinander getrennt sein - z.B. Anrufbeantworter.

Durch Erfindung der Schrift kann der menschliche Bote durch materiell fixierte Schriftzeichen ersetzt werden. Der schriftliche Text wird zum materiellen Mittler in einer zerdehnten Sprechsituation:

  1. Der Schreiber fixiert in der Sprechsituation 1 seine Äußerungen schriftlich mittels Schrift - ohne anwesenden Leser;
  2. Der Leser rezipiert in der Sprechsituation 2 die schriftlichen Äußerungen des Schreibers ohne daß dieser anwesend wäre.
  
Zerdehnte Sprechsituation
  

Strukturelle Merkmale textuell-schriftlicher Kommunikation nach Ehlich

Gegenüber der Kommunikation mit einem kopräsenten Hörer kann der Sprecher in der zerdehnten Sprechsituation beim Schreiben nicht kontrollieren, wie der Hörer/Leser den Text versteht. Er muß sich allein mit verbalen Mitteln so präzise ausdrücken, daß der Leser den Text im beabsichtigten Sinn versteht.

Der Schreiber muß insbesondere die einzelnen propositionalen Gehalte mit sprachlichen Mitteln so → verketten, daß der Leser sie im intendierten Sinn aufeinander beziehen kann.



Text als Bote, diplomatische Korrespondenz zur Zeit Ramses II.

Anlässlich des Fundes eines keilschriftlichen Tontäfelchens im Nilschlamm beschreibt Svensson 2003 die Funktion der Keilschrifttafeln in der diplomatischen Korrespondenz zwischen Ägypten und anderen Großmächten der damaligen Zeit:

"Die babylonische Keilschrift diente damals als Diplomatensprache an den Königshöfen. Wollte ein Herrscher eine Botschaft an einen anderen übersenden, ließ er den Text mit Holzgriffel in den weichen Ton drücken. Die höchstens 15 Zentimeter hohe Brief-Tafel wurde in eine Art Umschlag eingepackt, worauf der Text nochamls geschrieben und versiegelt wurde. Ein Bote lernte ihn auswendig, bekam die Tafel um den Hals gebunden und wurde auf die Reise geschickt. Am Hofe des Empfängers angekommen, überbrachte er die Botschaft zunächst mündlich, um dann als Beweis den Umschlag mit der Tafel abzuliefern, die alsdann archiviert wurde. Diplomatisches Gebaren vor 3200 Jahren."

In dieser Praxis dominiert noch die Mittlerfunktion des Boten, unterstützt durch den Text, der für die Echtbeit bürgt. Daraus und aus dem Zugang zur materiell erhaltenen Botschaft der Tontafel entwickelte sich der Text als alleiniger Träger der Botschaft in der zerdehnten Sprechsituation.


Literaturhinweise

Ehlich, Konrad (1984) Zum Textbegriff. In: Rothkegel, A. & Sandig, B. (Hgg.) Text - Textsorten - Semantik. Hamburg: Buske, 9-25
Svensson, Birgit (2003) Botschaft aus dem Nilschlamm. Die Geschichte des ägyptischen Tontäfelchens, das die archäologische Welt verändern soll. In: FAZ 20.10.03 Nr. 243, S. 9
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