Quantität erworbener L2-Mittel und Korrektheit/Fehler
(Grießhaber 2006-07)


Grundlage

  • Lernende der Spitzengruppe produzieren in den vier Vergleichstexten im Laufe der Jahre über doppelt so viele syntaktische Einheiten wie die schlechtesten Lernenden
  • Lernende der Spitzengruppe machen im Vergleich zu den Schlechten nur einen Bruchteil der Fehler in der Nominal- und Verbalflexion
  • dieser Zusammenhang zwischen Äußerungsmenge und Korrektheit spricht dafür, daß die Lernenden aus den erworbenen Äußerungen grammatische Muster extrahieren
    viele Äußerungen enthalten viele extrahierbare Muster und eine Vielzahl an Mustern

Basis

Die Daten basieren auf einer Vollauswertung aller Texte, die jeweils am Ende eines Schuljahres erhoben wurden und berücksichtigt diejenigen Schüler, die alle vier Jahre lang in den Schulen waren. Gruppenbildung mit je zehn Schülern:

  • Spitze: Lerner mit mindestens 53 C-Testpunkten
  • Mitte: Lerner mit 45 C-Testpunkten
  • Schluss: Lerner mit weniger als 31 C-Testpunkten
 

Äußerungsmenge nach Leistungsgruppen

Äußmenge nach Leistungsgruppe

Die Spitzengruppe vergrößert den Abstand gegenüber der Schlussgruppe über die vier Jahre. Insbesondere im vierten Jahr steigt die Differenz noch einmal.
Dagegen bedeutet die parallele Entwicklung der Spitzen- und Mittelgruppe, daß sich der Abstand relativ gesehen verringert.
Die Schlussgruppe stagniert in der vierten Klasse, während die beiden anderen Gruppen bei der Textmenge noch einmal deutlich zulegen.

 

Syntaktische Komplexität nach Leistungsgruppen

Syntaxprofile nach Leistungsgruppen

Die Spitzengruppe hat über die vier Jahre hinweg eine fast kontinuierliche Steigerung der syntaktischen Komplexität. Die Spitzenschüler beginnen auf deutlich höherem Niveau als die beiden anderen Gruppen.

Die Mittelgruppe hat vom ersten zum zweiten Schuljahr eine starke Zunahme der syntaktischen Komplexität. Ab der der zweiten Klasse verläft die Entwicklung parallel zur Spitzengruppe auf etwas niedrigerem Niveau.

Die Schlussgruppe hat zunächst wie die Mittelgruppe von der ersten zur zweiten Klasse einen deutichen Anstieg. Beunruhigend ist die stetige Abnahme der syntaktischen KomplexitŠt in der dritten und vierten Klasse. Die Schlussgruppe fällt gegenüber den anderen Gruppen immer weiter zurück.

 

Dativfehler absolut

Dativfehler absolut

Die Spitzengruppe realisiert mehr als doppelt so viele präpositionale Dative wie die Schlussgruppe, macht dabei im Gegensatz zur Schlussgruppe aber fast keine Fehler.

o-PRP: Anteil freier Kasus ohne Präpositionen an den satzwertigen Segmenten
inkorr: Anteil inkorrekt gebildeter freier Kasus;
m-PRP: Anteil präpositionaler Kasus an den satzwertigen Segmenten;
inkorr: Anteil inkorrekt gebildeter Kasus an den satzwertigen Segmenten

 

Kasusfehler relativ zur Äußerungsmenge

Kasusfehler nach Menge und Leistungsgruppe

Betrachtet man die Kasusfehler relativ zur Äußerungsmenge, dann sieht man, daß die Spitzengruppe fast keine Fehler im Bereich der Nominalflexion macht, während die Schlussgruppe bei nur halb so vielen Äußerungen ein Vielfaches an Fehlern produziert. Auch die Mittelgruppe macht bei den Dativen deutlich mehr Fehler als die Spitzengruppe.

N-: Fehler beim Nominativ
A-: Fehler beim Akkusativ
D-: Fehler beim Dativ
G-: Fehler beim Genitiv

 

Tempusfehler relativ zur Äußerungsmenge

Tempusfehler relativ zu Menge

Im Verbalbereich liegt die Fehlerzahl in allen drei Leistungsgruppen deutlich unter der Fehlerzahl im Nominalbereich. Auffällig ist hier, daß auch die Spitzengruppe bei den unregelmäßigen Präteritalformen einige Fehler macht. Dies spricht für den Mechanismus der Musterextraktion: bei den unregelmäßigen Präteritalformen gibt es nur wenige Gesetzemäßigkeiten, die sich regelhaft aus Mustern ableiten ließen.

PT-R: Präteritum regelhaft gebildet
PT-UR: Präteritum irregulär gebildet
PF-R: Perfekt regelhaft gebildet
PF-UR: Perfekt irregulär gebildet


Literaturhinweise

Grießhaber, Wilhelm (2005) Sprachstandsdiagnose im Zweitspracherwerb: Funktional-pragmatische Fundierung der Profilanalyse. (erscheint in: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit; → PDF-Datei PDF-Datei; → Internet Webseite)
Grießhaber, Wilhelm (2006) Endbericht der wissenschaftlichen Begleitung. März 2006. Projekt "Deutsch und PC". Münster: WWU Sprachenzentrum;
Grießhaber, Wilhelm (2006) Die Entwicklung der Grammatik in Texten vom 1. bis zum 4. Schuljahr. In: Ahrenholz, B. (Hg.) Kinder mit Migrationshintergrund - Spracherwerb und Fördermöglichkeiten. Freiburg i.B.: Fillibach, 150-167
Grießhaber, Wilhelm (2007) Fördern von Kindern mit Migrationshintergrund. Münster: WWU Sprachenzentrum;
Deutsch&PC-Logo Eine Arbeit im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Modellversuchs, → weitere Informationen; weitere Literatur zum Schreiben