Wissensstrukturtypen (Ehlich & Rehbein 1977)


[ Basis | Part. Erlebniswissen | Einschätzung | Bild | Sentenz | Maxime | Musterwissen | Routinewissen ]


Basis

"… bildet das Wissen ein System. Die verschiedenen Wissenspartikel sind in spezifischer Weise angeordnet, sie stehen in Verhältnissen zueinander. Ihre unterschiedliche Qualität und ihr unterschiedlicher Stellenwert im Gesamtsystem des Wissens ergibt sich unter anderem aus ihrer unterschiedlichen Bedeutung für die Handlungen der Aktanten." (42)
Elementarstruktur - drei konstitutive Größen des Ausdrucks 'wissen':

  • A weiß von B, daß C - A weiß, daß B C ist / tut / hat usw. - A weiß C {von/über} B
    Wissen ist eine dreistellige Relation zwischen A, B und C.
    Bsp.: Schüler A weiß, daß der Lehrer B Strafarbeiten aufgibt.
  • S Subjekt des Wissens, 'Wissender'
  • Θ Thema des Wissens, das worüber der Wissende etwas weiß und noch mehr wissen will
  • Γ 'Gewußte', das, was der Wissende über das Thema des Wissens Θ weiß.

"Wissen ist ein mentaler Sachverhalt. Er bezieht sich auf die Wirklichkeit. Im Fall, daß das Wissen zutrifft, das heißt die Wirklichkeit adäquat wiedergibt, bezieht es sich auf einen bestimmten Objektbereich, von dem der Wissende etwas weiß; dieser Objektbereich erscheint im Wissen als Θ. Das in der Wirklichkeit, was der Wissende über den Objektbereich weiß, d. h. das Objekt des Gewußten, erscheint im Wissen als Γ. Wir nennen den Objektbereich, der im Wissen als Θ erscheint, abgekürzt OΘ. Wir nennen das Objekt des Gewußten, das im Wissen als Γ erscheint, OΓ.

Pragmatische Quantifizierung

"Ein Wissen kann für nur einen Wissenden gelten, für mehrere Wissende, oder für alle Wissende;
kann einmal für gelten, kann immer für gelten usw."
'ein': e - 'mehrere': m - 'alle': a

 

0. Partikulares Erlebniswissen

"Ein einzelner Wissender entwickelt über ein einzelnes Exemplar eines Objekts des Wissens ein einzelnes Wissenselement, z.B. indem er eine Beobachtung über einen Sachverhalt macht, d. h. ein entsprechendes individuelles, partikulares Erlebnis hat." (47)
"Das partikulare Erlebniswissen bildet den Bereich dessen, was bloß individuell ist; es ist die Domäne der wissensmäßigen Repräsentation des nur Zufälligen." (47)
"… ein Hauptmodus, wie das partikulare Erlebniswissen auftritt, das einfache Erinnern." (48)
"Das partikulare Erlebniswissen ist auch darin partikular, daß es kaum systematisiert wird. (…) Eine Expandierung des Wissens über das Einzelne, das vom einzelnen Objekt des Wissens gewußt wird, findet nicht statt. Allenfalls werden neue Erlebnisse mit diesem Erlebniswissen, das erinnert wird, identifiziert oder verschmolzen." (48)

 

1. Einschätzung

alltagssprachliche Vorstellungen, die sich die Aktanten auf der Grundlage einer - bezogen auf die Menge der möglichen Erfahrungen usw. - begrenzten Auswahl von Phänomenen machen." (49)
"Einschätzungen sind also schon vergleichsweise komplexe synthetische Leistungen." (49)
"Vielmehr macht der Wissende eine spezifische Zusammenfassung mehrerer solcher partikularer Erlebniswissenselemente. Das Resultat ist, daß er weiß, daß der Gegenstand OΓ seines Wissens-Interesses Θ so ist, daß OΓ ihm als das, was in Γ über ihn gewußt wird, mehrfach zukommt. Die Mehrfachheit ermöglicht dem Wissenden zugleich eine Extrapolation über die vergangenen partikularen Erlebnisse hinaus auf noch Zukünftiges: (…) Die Extrapolation ist jedoch relativ schwach, d. h. erlaubt nur eine schwache Antizipation zukünftiger Sacherverhalte/Handlungen usw."
"Die Verbalisierung von Einschätzungen ist häufig an pragmatische Quantoren in unterschiedlichen Dimensionen zu erkennen, wie

  1. lokal: 'hier und dort' / 'da und dort' / 'an dem einen oder andern Ort'
  2. temporal: 'bisweilen' / 'öfter' / 'manchmal' / 'ab und zu' / 'dann und wann' / 'ein paar mal'
  3. personal: 'dieser und jener' / 'mancher' / 'einige' / 'mehrere' / 'der eine oder der andere
 

2. Bild

"Mehrere Einschätzungen zu einem Wirklichkeitsausschnitt werden zusammengesetzt zu einem Bild." (51)
"… charakaterisiert das Bild: der Wissende S weiß ein Γ von Θ so, daß immer OΘ zukommt." (54)
"Die Erstellung eines Bildes ist wiederum eine spezifische synthetisierende Lesitung des Wissenden aus einer Reihe von Einschätzungen. Das Bild leistet das, was die Einschätzung nicht leisten kann: es gibt die Möglichkeit zu verläßlichen Extrapolationen für alle OΓ über ein OΘ; der Wissende kann also eine sichere Vorausbestimmung zukünftiger OΓ von OΘ vornehmen. Das führt dazu, daß das Wissen Γ über Θ beim Wissenden abgerundet und fertig ist. Dadurch entsteht bei S der eigenartige Effekt, daß Γ auch durch einige entgegenstehende Erscheinungen OΓ an OΘ zunächst nicht in Frage gestellt wird. Die Bilder formen so ein Arsenal fester Interpretationen der Handlungswirklichkeit, in der sich der Wissende befindet. Erst eine erhebliche Verunsicherung des Bildes führt dazu, daß S das Bild revidiert und den Prozeß der Bildherstellung neu eröffnet." (52)

 

3. Sentenz

"Sentenzen beschreiben Wirklichkeitssturkturen in einer allgemeinen Weise. An die Stelle der pragmatischen Quantifizierung 'ein' tritt die pragmatische Quantifizierung 'alle'. Die Sentenz stellt ein Wissen dar, das für alle Wissenden (Sa) gilt. Damit aber nicht genug. Auch das Gewußte muß über bloß individuelle Instanzen hinausgehen; auch das Gewußte Γ gilt immer für das Thema des Wissens Θ. (…) Eine Sentenz entsteht demnach dadurch, daß ein Wissen (Gewußtes Γ von Thema Θ) immer gilt, indem alle Wissenden Sa dieses Wissen haben." (54)
Bsp.: "Der Schüler lernt, der Lehrer lehrt." / "Was der Lehrer sagt, ist richtig." (55)
"Die Bestimmung der Gültigkeit der All-Aussage ist alos diffus, und zwar nicht als faux pas, sondern in einer systematisch bezweckten Weise. (…) Die Sentenz ist dann durch ihre diffuse Mundanisierung gekennzeichnet. Die diffuse Mundanisierung der Sentenzen bildet die Voraussetzung dafür, daß der Sentenzenschatz insgesamt in sich nicht kohärent ist. Das heißt: es kann durchaus über ein und dasselbe Wissensthema Θ verschiedene, miteinander nicht in Übereinstimmung, ja zueinander in Widerspruch stehende Γ geben, für die die pragmatische All-Quantifizierung behauptet wird." (56)
"Aufgrund der Widersprüchlichkeit des Wissens-Strukturtyps Sentenz können auf ein- und dieselbe Erscheinung verschiedene Sentenzen appliziert werden." (56f.)
"… daß die große Zahl der Sprichwörter eine Untergruppe der Sentenzen ausmacht." (55) "Verbalisiert kommen Sentenzen z. B. in der Form des Sprichwortes oder des Vorurteils, in Konversationen und in Argumentationen vor." (57f.) "Aber die Sentenz wird tendenziell von allen Mitgliedern einer Aktantengruppe akzeptiert. Sentenzen sind kollektive Merksätze. Ihnen kommen wichtige Funktionen bei der Organisation und der Verwendung des Wissens im institutionellen, wie im sonstigen alltäglichen Handeln zu." (57)

 

4. Maxime

"Maximen sind zu verstehen als handlungsleitende Destillate aus vorgängiger Erfahrung. (Š) Maximen sind also Lehren, die der Aktant aus der vorgängigen Erfahrung zieht und an die er sich bei neuen Erfahrungen hält. Sie dienen dazu, die zukünftige Interpretation von Handlungssituationen zu ermöglichen.
Maximen haben also zwei Richtungen: als Destillate sind sie an den vergangenen Handlungen orientiert, als Handlungsanleitungen sind sie auf zukünftige Handlungen hin orientiert. Indem sie Handlugnen in neuen Situationen ermöglichen, haben sie ein handlugserzeugendes Potential. Sie sind wahrscheinlich eine wesentliche Struktur für den Entscheidungsapparat, der unter anderem die Situationsinterpretation vornimmt, der also klassifiziert, identifiziert und bewertet.
Beispiele für schulspezifische Maximen sind: 'Lerne was, (dann kannst du was)!'" "Maximen gewinnen ihre Bedeutung erst dort, wo eine Unklarheit über eine auszuführende Handlung F besteht, (…) Die Maxime wird gebraucht, um entweder bei unterschiedlichen Zielen oder bei unterschiedlichen Wegen zur Erreichung eines Ziels eine Entscheidung herbeizuführen." (61)

 

5. Musterwissen

"Muster sind Formen, in denen gesellschaftliche Handlungsprozesse ablaufen. In ihnen wird ko-aktiv gehandelt. Das heißt: sowohl Kampf wie Kooperation werden in Mustern ausgetragen, (…) Die Muster sind gesellschaftlich entwickelt, um bestimmte, häufig auftauchende Konstellationen zu bewältigen, genauer: um dafür Bewegungsformen zu haben. Indem mehrere Aktanten handeln, bedienen sie sich der Muster; sie sind ihnen darin zugleich unterworfen - und zwar notwendig."
"Das Musterwissen ist bei allen beteiligten Handelnden, allen Ko-aktanten, vorausgesetzt, kann jedoch in seiner individuellen Ausprägung bei einzelnen Ko-aktanten hinter der Komplexität des Gesamtmusters zurückbleiben."
"Muster werden eingeübt und sind dadurch tief in der Erfahrung der gesellschaftlichen Individuen verankert. Das Musterwissen enthält so eine spezifische Qualität; es ist dem rationalen Durchschauen wenig zugänglich.

 

6. Routinewissen

"Routinen sind weitgehend automatisierte, einaktantige Verkettungen von Handlungen. Sie spielen im Rahmen von Mustern eine Rolle. Die Automatisierung besagt, daß das Routinewissen noch weniger dem Ko-aktanten bewußt präsent ist als im Fall des Musterwissens. Sie sind typische Subhandlungen oder Nebenhandlugnen. Es gibt spezifische Schulroutinen, die die Kinder im Lauf ihrer schulischen Biographie erwerben. Ein charakteristisches Beispiel dafür ist das Melden auf der Seite des Schülers oder das Anschreiben auf der Seite des Lehrers." (68f.)
"Routinen erfordern spezifische Fertigkeiten. Der Zusammenhang von Wissen und Handeln ist hier außerordentlich eng. (…) Wegen der des weitgend automatisierten Charakters der Routinen ist es möglich, neben der Ausführung der Routine andere Handlungen auszuführen, die in ein anderes Muster eingebunden sind.


Literatur
  • Ehlich, Konrad & Rehbein, Jochen (1977) Wissen, kommunikatives Handeln und die Schule. In: Goeppert, H. C. (Hg.) Sprachverhalten im Unterricht. München: Fink, 36-114