IKK: Interkulturelles Lernen - Keller 1996


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(1) Kulturbegriff

Keller-Kultur

Kultur: wertneutrales Interdependenzsystem verschiedener Variablen (Luhmann);

selbstregulierende Elemente,
auf Erhaltung des Gesamtsystems bezogen (Selbstreferenz)

  • Oberflächenstruktur (Verhaltensmuster, Institutionen, Texte, …,
  • Tiefenstruktur (Wertvorstellungen, Normen, Identitätsmuster)

Widerspruch und Konflikt: ständige neue Impulse durch menschliche Kreativität

Kommunikation: Herstellung von Verbindungen im System


(2) Wahrnehmung von Fremdkulturen

 

Konstruktivismus

Kulturen können in ihrer Komplexität nicht vollständig wahrgenommen werden;
bioelektrische 'Einheitssprache' der Sinneswahrnehmungen: Wahrnehmung, Weiterverarbeitung, interpretierender Vergleich mit früherer Erfahrung und Konstruktion der Wirklichkeit; unvollkommenes Abbild/Konstrukt der Außenwelt, ausreichend zum Überleben des Individuums; allgemeine Kriterien für Lernprozesse:

  • da neue Eindrücke stets mit gespeicherten Vorstellungen verbunden werden, ist Wahrnehmung immer auch Interpretation und Bedeutungszuweisung; d.h. eine Fremdkultur wird stets mit vorstrukturierten Bildern aus der eigenen Kultur verknüpft; Bewußt wird nur, was bereits gestaltet und geprägt wurde
  • Sprachliche Kommunikation kann nur stattfinden, wenn die Partner ein Mindestmaß an Übereinstimmung und Vergleichbarkeit ihrer Vorstellungen besitzen; erst dann "konsensuelle Orientierungsinteraktion" möglich
  • Mißverständnisse dadurch, daß Sprecher beim Hörer derselben kognitive Bereich unterstellt
  • Da das Gehirn keine objektive Wiedergabe der Wirklichkeit leisten kann, reduziert es die Komplexität, indem es eine überlebensnotwendige Selektion vornimmt; dabei bildet es ganzheitliche Vorstellungen (Kategorien), die dazu dienen, Erfahrungen zu assimilieren und zu organisieren
 

Sozialpsychologie

Kategorisierung: Informationen werden in vereinfachte, schematisierte Bilder, in Kategorien oder Stereotype reduziert; sie schlagen sich in Selbst- und Fremdbildern nieder; Bezugsrahmen für neue Erfahrungen und Identitätsbildung und Verstehen fremder Kulturen

Differenzierung: Zweifel, Widerspruch zu Stereotypen führen zu numerisch, regional und soziologisch differenzierten Subkategorien; z.B. für alle US-Schüler: freedom-loving, pleasure-seeking, national-pride; nur für Teile, sich z.T. widersprechend: boastful, race-conscious, glory-seeking.

Nationalcharakter: zur kognitiven Einbettung und inhaltlichen Rechtfertigung von Stereotypen; Völker als personale Ganzheiten gesehen

Perspektivismus: Filterung und pos./neg. Bewertung der Informationen aus/über Fremdkultur im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit der eigenen Lebenswelt; drei unterschiedliche Perspektiven:

  • pragmatisches Denken: Besonderheiten auf die Bewältigung von Lebenssituationen beurteilt
  • rivalisierendes Denken: Betrachtung als Konkurrent hinsichtlich Erzeugnissen, Normen und Gebräuchen
  • Ethnozentrismus: Überlegenheit der eigenen Kultur
 

Verstehen von Fremdkulturen:

Keller-Fremdkulturverstehen
  • D → D die Deutschen denken über sich selbst (deutsches Selbstbild)
  • D → E die Deutschen denken über die Engländer (deutsches Englandbild)
  • D → (E → D) die Deutschen denken, die Engländer hielten sie für … (vermutetes englisches Deutschlandbild)
  • D → (E → E) die Deutschen denken, die Engländer hielten sich für … (vermutetes englisches Selbstbild)
  • zwei Nationen verstehen sich um so besser, je ähnlicher ihre Selbstbilder sind; dann gleichen sich Normen und Wertvorstellungen (D→D = E→E)
  • zwei Nationen verstehen sich um so beser, je ähnlicher ihre Selbst- und Fremdbilder sind (D→D = D→E). Im Vergleich von Auto- und Heterostereotyp spiegelt sich das Erlebnis der Nähe wider, wenn man glaubt, die anderen seien wie man selbst
  • man kann sich von den Urteilen der anderen getroffen und sich dabei verstanden oder mißverstanden fühlen; dies zeigt sich im Vergleich zwischen Autostereotyp und dem vermuteten fremden Heterostereotyp. D→D = D→(E→D); man bekundet damit sein "Vertrauen" in die unverzerrte und "gerechte" Sicht des Partners.
  • wenn man meint, die Angehörigen fremder Gruppen hätten bestimmte Vorstellungen von sich selbst und diese Annahme mit dem tatsächlichen Fremdbild übereinstimmt, bekundet man die Möglichkeit sich in die Sichtweise des Partners zu versetzen: D→E = D→(E→E)
 

(3) Thesen zur Unterrichtspraxis

 
  1. Informationen über die Fremdkultur sollten in Zusammenhängen vermittelt werden
     
  2. Die Literaturbetrachtung sollte in den jeweiligen soziokulturellen Kontext eingebettet werden
     
  3. Widersprüche und Konflikte sollten in ihrer destabiliserenden und systemerhaltenden Funktion erkannt werden
     
  4. Der Kulturvergleich sollte notwendiger Bestandteil interkulturellen Lernens sein
     
  5. Die Stoffauswahl sollte zum Verständnis der heutigen Identitätsstrukuten und Handlungsmuster in der Fermdkultur beitragen
     
  6. Sachorientierung sollte Priorität vor Schülerorientierung erhalten
     
  7. Der Spracherwerb sollte alle Mitteilungsformen in möglichst vielen Sachgebieten umfassen
     
  8. Die Textaufgabe sollte durch selbständige freie Niederschrift ergänzt oder ersetzt werden
     
  9. Auslandsaufenthalte sollten zur interkulturellen Erziehung und Integration in das fremde Gesellschaftssystem ausgebaut werden
     
  10. Verstehen, Toleranz, Empathie und Emanzipation sollten zum Abbau ethnozentrischen Denkens dienen

Literatur

Keller, Gottfried (1996) Zehn Thesen zur Neuorientierung des interkulturellen Lernens, 227-236