Erzaehlen Muster des Erzählens (Hoffmann 1984)

Diskurs: Hoffmann | Meng: Def. / Aufgaben | Labov & Waletzky | Quasthoff | Rehbein: Synopse / Diagramm |

Linguistik: Tempus / → Verkettung

Wiedergeben: Rehbein: allgemein / sprachl. Mittel & Prozeduren / lex. Strategien / Referieren - Memorieren |


  1. Abheben vom laufenden Diskurs: Einführen durch S - Ratifizieren durch H
     
  2. Erzählen i.e.S.:
     
    1. Orientieren des Hörers: referentielle Basis mit Fragen: wer - wann - wo
       
    2. Prozessierung der einzelnen Erzählschritte:
       
      • Ereignisse als Kette so präsentieren, daß zeitliche & logische Zusammenhänge deutlich werden
         
      • Zusammenhänge wie Ursache - Wirkung oder Motiv - Handlung deutlich machen
         
      • Erzählen 'gelingt', wenn der Hörer den Relevanzpunkt des Sprechers übernehmen kann
         
    3. Kommentieren: S macht deutlich, wie die Ereignisse von H verstanden werden sollen
      welche non-temporalen Beziehungen zwischen den Segmenten bestehen
       
  3. Abschließen, um H Anschlußhandlungen wie Bewerten, Applaudieren oder Verständnisbekunden zu ermöglichen

  1. Voraussetzung: Abheben vom laufenden Diskurs: Einführen - Ratifizierung
  2. drei zentrale Teilhandlungen des Erzählens: Orientieren - Prozessieren - Kommentieren
  3. Beendigung: Beenden Abschließen - Anschlußhandlungen (Bewerten, Applaudieren, …)

Allgemeine Definition des Erzählens:

"Erzählen ist ein komplexer Sprechakt, konstituiert durch verschiedene Teilhandlungen, die einen charakteristischen Beitrag zum Ganzen leisten. … ist das Erzählen eine spezifische Art des Einbringens zeitlich strukturierter Sachverhalte, in deren Zentrum die Darstellung menschlicher oder an menschlichen Handlungsmodellen orientierter Aktivitäten steht und die als kohärent und relevant verstanden werden können. Kohärenz und Relevanz hängen ab von den Verstehensleistungen des Rezipienten; … ist die Rezeption am aktuellen Diskurstyp … der übergreifenden Kommunikationsform und ihren Restriktionen orientiert, durch die Fälle von Erzählen als 'dysfunktional' ausgewiesen werden können (…). Mit dem Erzählen verfolgt der Sprecher im übergeordneten Rahmen der Interaktion bestimmte strategische Ziele (z.B. Unterhalten, Belegen, Belehren etc.); dazu muß er auf der Folie des laufenden Diskurses sein eigenes Relevanzsystem mit dem des Rezipienten vermitteln und an dessen Vorwissen und Vorstellungsmöglichkeiten so anknüpfen, daß die 'Geschichte' nachvollziehbar wird."
'Erzählung' … das Resultat des Erzählens,
enthält mindestens einen Handlungs- oder Ereignisstrang, dessen Repräsentation Zweck der Darstellung ist … 'Relevanzpunkt'
der Rezipient einen zeitlichen, personellen, lokalen und situativen Rahmen für die 'Geschichte', auf die referiert werden soll, als Erzählhintergrund vermittelt bekommt (oder schon zur Verfügung hat); … Resultat "Orientierung"
das Einführen und das Anknüpfen eine wichtige Rolle;
… Die Kohärenz- und … Wahrheitsanforderungen sind bestimmt durch das Muster: … Das Verstehen des Musters erzeugt auf der Seite des Rezipienten spezifische Erwartungen hinsichtlich der Form, des Inhalts und des Anspruchs, die dem Erzähler als Verpflichtungen gegenübertreten.

  1. … das Erzählen [muß] im aktuellen Diskurstyp plaziert werden … Ratifizierung durch den Rezipienten. … die Orientierung manchmal mit einem "abstract" (…) verbunden, in dem bestimmte Elemente dessen, was im Relevanzteil der Geschichte erscheinen soll, vorab angekündigt werden.
     
  2. Das 'Orientieren' ist eine fortlaufende Aktivität des Erzählers mit dem Zweck, dem Rezipienten eine referentielle Basis für die Abwicklung von Handlungs- bzw. Ereignisketten im Erzählkern ('Prozessieren') zu liefern; fehlen wichtige Elemente der Orientierung, so können sie vom Rezipienten unmittelbar durch eine 'Verständnissicherungsprozedur' eingefordert werden: …
    … Weiß der Rezipient - etwa auf der Grundlage einer interaktionalen Ausarbeitung -, wovon die Rede ist, so kann ihm vermittelt werden, was der Erzähler für erzählenswert hält. …
    nach Ratifizierung & einleitender Orientierung "können die einzelnen Erzählschritte prozessiert werden; der zeitliche und logische Zusammenhang der Ereigniskette muß vom Rezipienten rekonstruierbar sein. Auch im Falle des Antizipierens oder Retrozipierens ist die Projektion auf eine lineare Normalform möglich; Zusammenhänge wie Ursache - Wirkung oder Motiv - Handlung sind auch dann in der Rezeption herauszuarbeiten, wenn sie im Text nicht formal ausgedrückt sind.
    Das Erzählen 'gelingt', wenn der vom Erzähler gesetzte Relevanzpunkt in das Relevanzsystem des Rezipienten übernommen werden kann. …
    Vor diesem Hintergrund ist auch die dritte zentrale Teilhandlung des Erzählens (neben dem Orientieren und dem Prozessieren) zu sehen: das 'Kommentieren'. Handlungen des Kommentierens signalisieren, wie der Erzähler die repräsentierten Erignisse verstanden haben will, welche propositionalen Einstellungen mit dem Erzählten zu verbinden sind und welche non-temporalen Beziehungen zwischen den Segmenten bestehen. Das Erzählen erfolgt fortlaufend vor dem Hintergrund der Bewertungs-, Einordnungs- und Gewichtungsinstanz des Erzählers, so daß Kommentierungen makrostrukturell an verschiedenen Stellen der Erzählung zu finden sind, nicht bloß im engeren Umfeld des Relevanzpunktes.
     
  3. … Die Einbettung des Erzählens in Diskurszusammenhänge erfordert einerseits … 'Einleitens' (mit dem Erzählangebot, einer Erzählankündigung, Ratifizierungsmöglichkeiten etc.), zum anderen müssen durch das 'Abschließen' die strukturellen Grenzen markiert werden, und es ist erforderlich, in die laufende Konversation zurückzuleiten, z.B. um erwartete oder intendierte Anschlußhandlungen des Rezipienten (Bewerten, Applaudieren, Verständnis bekunden etc.) zu ermöglichen." (S. 204-206)

Literatur

Hoffmann, Ludger (1984) Zur Ausbildung der Erzählkompetenz: eine methodische Perspektive. In: Ehlich, K. (Hg.) Erzählen in der Schule. Tübingen: Narr, 202-222