Stufenmodell des Schriftspracherwerbs: Brügelmann & Brinkmann 1994

Günther: Grundlagen / did. Konsequenzen / Übung: 1 / 2 | Valtin | Brügelmann & Brinkmann | Mannhaupt


Kompaktdarstellung

  1. von der willkürlichen Buchstabenfolge zur lautorientierten Schrift
  2. vom Lautskelett zur Umschrift der eigenen Mundart
  3. vollständige Lautschrift und Übernahme von grafischen Rechtschreibmustern (sch, ie, mm, usw.), die jedoch häufig unzutreffend eingesetzt werden (z.B. kohmen);
  4. von (teilweise »illegal«) übergeneralisierten Schreibmustern zu ihrer grundsätzlich »legalen« Verwendung (maschiene) und schließlich zur korrekten Rechtschreibung des einzelnen Wortes.

Zugriffe beim Schreiben

  1. Bedeutungshaltigkeit der Schrift
    1. Träger von Information, die SchreiberInnen hineinlegen, LeserInnen herausholen können
      Schreiben ist mehr als beliebiges Spurenmachen
    2. Schrift hält Bedeutung wortwörtlich fest, anders als Erzählen aus der Erinnerung
      Schreiben ist Festhalten von Sprache
  2. Buchstabenbindung der Schrift
    1. Schrift besteht aus einer begrenzten Zahl konventioneller Zeichen, den Buchstaben, nicht aus beliebigen Formen
    2. verschiedene Wörter bestehen aus unterschiedlichen Buchstabenfolgen, die konstant reproduziert werden müssen, damit die Bedeutung bewerkstelligt wird.
  3. Lautbezug der Schrift
    1. Wahl und Anordnung der Buchstaben haben mit der Klangform eines Wortes zu tun.
    2. Schriftwörter bilden die Abfolge einzelner Laute im Wort komplett ab.
  4. Orthografische Eigenständigkeit der Schrift
    1. in der Schrift gibt es Zeichen, die sich aus einer Lautanalaysee allein nicht ableiten lassen
    2. Anwendung von Rechtschreibmustern ist an bestimmte Bedingungen gebunden. Richtig Schreiben bedeutet kontextbezogene Verwendung und nur noch legale Übergeneralisierung von Rechtschreibmustern.
  5. Lexikalische Ordnung der Schrift
    • Schrift macht morfematische Gemeinsamkeiten sichtbar: Schreiben nutzt Ableitung aus Wortverwandtschaft: Stammprinzip - Wortbildung - Endung

Zugriffe beim Lesen

  1. Schrift als Merkmal der Umwelt
    wachsende Aufmerksamkeit für Schrift und Bedeutung von Wörtern/Texten
    aktive Suche nach Bedeutung & Aktivierung eigener Welt- und Spracherfahrung
    1. Kontext deuten: sinngemäße, nicht wortwörtliche Benennung von Schildern: esso für Benzin
    2. Etiketten benennen: Bedeutung der Typografie CocaCola, Esso
  2. Schrift als Kombination wiederkehrender Zeichen
    Buchstabenfolgen tragen die Bedeutung, nicht der Kontext oder die besondere typografische Form
    1. einzelne Buchstaben wiedererkennen, zunächst einzelne Buchstaben Träger der Wortbedeutung
    2. Buchstabenfolgen als »Namen« merken, Schrift noch Etikett
  3. Schriftzeichen als Hinweis auf Sprachlaute
    Schrift nicht direkt auf Bedeutung bezogen, sondern vermittelt durch Lautform zu erschließen
    1. wenige Buchstaben nicht ,kleines Tier', viele dagegen ,großes Tier'
    2. Wahl und Anordnung der Buchstaben haben mit der Klangform eines Wortes zu tun.
    3. Schriftwörter bilden die Abfolge einzelner Laute im Wort komplett ab.
  4. Schrift als integriertes Zeichen- und Deutungssystem
    Verbindung von grafischer Analyse und Kontextdeutung, Verknüpfung bei Bedeutungssuche
    1. Automatisierung des Worterlesens, zunächst ungenaueres Lesen
    2. Koordination von Buchstaben- Wort- und Textebene, subjektive Sinnerwartung

Literatur

Brügelmann, Hans & Brinkmann, Erika (1994) Stufen des Schriftspracherwerbs und Ansätze zu seiner Förderung. In: Brügelmann, H. & Richter, S. (Hgg.) Wie wir recht schreiben lernen. Lengwil: Libelle, 44-52
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