Lesen Didaktik der Leseförderung - Konzeption (Dehn 1998)


Basis

  • Videoaufnahmen aus 56 Stunden Leseunterricht in der Klasse und im Förderunterricht
  • Auswahl und Transkription von 140 Szenen nach dreimaliger Durchsicht
    43 Kl-U Klasse 1, 40 Fö-U Klasse 1, 20 Fö-U Klasse 2, 37 Fö-U Klasse 3

Auswahlkriterium:

  • ein Kind kann ein Wort nicht lesen oder liest es falsch
 

Lernfördernde Interaktionen

  • Lerntransfer
    • der Verfahren auf ähnliche Fehler oder Schwierigkeiten
       
  • 'heuristische Kompetenz' des Kindes,
    • sein Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten; wird vermieden, daß Fehler und Schwierigkeiten als Misserfolg erfahren werden?
 

Optimale Szenen

  • nach den o.g. Kriterien Identifizierung von fehlerspezifischen Lehrerhilfen:
    • Welche Schwierigkeiten hat das Kind?
    • Welche Hilfen gibt die Lehrperson?
    • Welche Hilfestellung kann das Kind annehmen?

Resultate:

  • Analyse der Fehler- & Schwierigkeiten-Bearbeitung
    • erfasst eher Oberflächenphänomene des Lehr-Lern-Prozesses
       
  • tiefere Einblicke durch Einbeziehung des didaktisch-methodischen Kontextes
    • hinsichtlich der Funktionalität der Aufgabe und
    • im Hinblick auf die 'Kongruenz' des Lehrerverhaltens
 

Didaktisch-sozialer Kontext

  • Aufgabenstellung über den Text hinausreichend oder isolierte Leseübung?
  • Emotionale Bedeutung des Textes für das Kind?
  • Schwierigkeitsgrad der Aufgabe den bereits erworbenen Fähigkeiten angemessen oder überfordernd?
  • Funktion des Lesens Lesen um des Lesens willen oder für eigene Handlungsziele?
 

Funktionalität der Leseaufgabe

  • Kongruenz von Textfunktion & Textinhalt hinsichtlich der sozialen Einbettung, z.B. Text(e)
    • über gemeinsame Erlebnisse
    • mit Anweisungen für das Handeln im Unterricht, z.B. Bastelaufgabe
    • für gemeinsames Spielen in der Kleingruppe
 

Kongruenz des Lehrerverhaltens

  • positiv:
    • vorgeschaltete Schwierigkeitsreduktion, z.B. Vorlesen des Anfangs
    • Aufbau und Kontrolle der Sinnerwartung
  • negativ:
    • Außerkraftsetzung von Spielregeln in der Lehrerrolle
 

Lehrerhilfen

  • sind häufig nicht lernförderlich, sondern
  • führen zu vielerlei Verwirrung und Misserfolgserlebnissen
  • Voraussetzungen für lerneffektive Lehrerhilfen ist, dass das Kind
    • die Teilziele auf einfache Weise erreichen und sie mit seiner eigenen Strategie beim Erlesen oder Korrigieren verknüpfen kann,
    • über die Informationen verfügt, die für die Erarbeitung notwendig sind; solche Informationen
      • erleichtern die Verständigung über das Voranschreiten
      • greifen meist nicht in die Zugriffsweisen des Kindes ein
  • andernfalls bewirkt das Lehrerverhalten 'Erarbeitung' beim Kind ein mühsames Wechselspiel von kurzschrittiger Teilaufgabe und Neuansatz
 

Bezug von Lehrerhilfen

  • + Wort als Ganzes
    • Fragen, Hinweise, Aufforderung zum Wort werden besser angenommen als detailorientierte
  • - Einzelne Buchstaben
    • verlangen vom Kind die markierte Stelle im eigenen Entwurf zu finden und die Korrektur dort einzufügen
      ein mehrschichtiger Vorgang, der häufig nicht gelingt
  • + Silben
    • Silbenbezogene Lehrerhilfen wurden stets angenommen
      das Kind kann sie in sein Konzept vom Wort integrieren
 

Bedeutung

  • häufig Artikulation einer Wortvorgestalt, ohne Verständnis der Bedeutung
    Vokalqualität bereitet häufig Probleme
    bedeutungsbezogene Hilfen sind auf das Sinnverständnis gerichtet
 

Kontext

  • häufig ist die Aufgabenstellung dysfunktional
    • beschneidet den Kindern wichtige Zugriffsweisen
    • der Textinhalt lohnt die Mühe des Lesens nicht
    • die Aussageabsicht bleibt unklar
       
  • Lehrperson muss sich kongruent zu den Rahmenbedingungen verhalten
    • Außerkraftsetzung von Spielregeln
    • Eingriffe in den Planungsprozeß durch ständige Lehrerkontrolle
    • besser dagegen: Möglichkeit zur Selbstkontrolle
       
  • gemeinsames Erlesen von Kind & Lehrperson (über 25%) problematisch:
    • dem Kind fehlt Spielraum zur Erprobung von Zugriffsweisen
    • durch Lehrerpräsenz zu wenig gefordert
       
  • tolerabel erscheinen Lesefehler, die den Sinn nicht einschränken (0 Vorkommen)
     
  • Klassenunterricht behindert gute Leseförderung nicht, von 28 optimalen Szenen:
    • 19 im Klassenunterricht
    • 9 im Förderunterricht

Aufgaben

  • positiv, wenn das einzelne Kind sein Tun in der Gruppe aufgehoben weiß:
    • Zuordnen von Wortkarten, Buchstaben- und Silbenkarten
    • buchstabenweises Erlesen eines Wortes

Literatur

Dehn, Mechthild (1998) Lehrerhilfen bei Leseschwierigkeiten. In: Crämer, C. & Füssenich, I. & Schumann, G. (Hgg.) Lesekompetenz erwerben und fördern. Braunschweig: Westermann, 45-70; weitere Literatur