Lesen Lesen: Zugriffsweisen beim Lesen (Hagemann 2003)


Zugriffsweisen

  • Zuordnung von Lautfolgen zu Buchstabenfolgen
  • Ausnutzung bekannter Wort(teil)gestalten
  • Ausnutzen syntaktischer Begrenzungen
  • Ausnutzen von Sinnstützen
 

Zuordnung

Voraussetzung sinnerfassenden Lesens: elementare Kenntnis des (alphabetischen) Schriftsystems und der Phonem-Graphementsprechung
ermöglicht das Erlesen unbekannter Wörter

Sprachliche Indikatoren:
lautweises Synthetisieren (auch bekannter und wiederkehrender Wörter) mit gedehnter bzw. aushaltender Artikulation von Vokalen bzw. Konsonanten,
das Lesen von Wortersetzungen und Pseudowörtern aufgrund eines mit dem Zielwort vergleichbaren Buchstabenbestandes

weit abweichende Wortersetzungen und das Überspringen von Wörtern signalisieren eine eingeschränkte Verfügbarkeit dieser Zugriffsweise.

 

bekannte Wort(teil)gestalten

Wiedererkennen bekanter Wörter und das Erkennen bekannter sinntragender Einheiten in Wörtern erleichtern das sinnerfassende Lesen durch Segmentierung der Texte

Sprachliche Indikatoren:
sicheres Lesen von häufig wiederkehrenden Wörtern (Artikel, Pronomen, Konjunktionen etc.) und von wiederholt im zu lesenden Text vorkommenden Wörtern.
Erlesen komplexerer Wörter in nach Silben oder Morphemen segmentierter Form, wobei bekannte Wortbestandteile als Einheiten lautiert werden

wiederholtes Laut für Laut synthetisierendes Erlesen zeigt eine unzureichende Ausprägung der Zugriffsweise.

 

syntaktische Begrenzungen

Das Wissen um Konstruktionsmöglichkeiten grammatisch wohlgeformter und semantisch akzeptabler Sätze sowie die Kenntnis der Bedeutung der Interpunktion ermöglicht eine rasche und treffsichere Hypothesenbildung beim Lesen: Erwartbarkeit von Flexionsendungen und semantisch akzeptablen Einheiten

Sprachliche Indikatoren:
syntaktisch wohlgeformte Weiterführungen, die vom Lesetext z.B. in der Tempusverwendung abweichen,
Korrekturen bei grammatisch nicht wohlgeformten Ersetzungen (z.B. Flexionsendungen)

Inakzeptable Ersetzungen von Flexionsendungen können eine unzureichende Ausbildung der Lesetaktik anzeigen
Überlesen der Interpunktion, d.h. fehlende Nutzung der Satzzeichen zur Segmentierung in Sinneinheiten

 

Sinnstützen

Voraussetzung: textuelle und kontextuelle Elemente zum Aufbau von Sinnerwartungen
Sich wiederholende Satzanfänge, Überschriften und Illustrationen sind insofern leseerleichternd, als durch sie Prognosen in Bezug auf die Konstruktion bestimmter Textteile möglich und spezifische semantische Felder im mentalen Lexikon voraktiviert werden; deutliche Erhöhung der Lesegeschwindigkeit

Sprachliche Indikatoren:
hohes Lesetempo und syntaktisch oder semantisch akzeptable Wortersetzungen oder Hinzufügungen bzw. deren Korrektur durch den (laut) Lesenden in inakzeptablen Fällen

schrittweises Erlesen von Inhaltswörtern, auf die z.B. Illustrationen verweisen, indizieren eine Nichtnutzung dieser Zugriffsweise

 


Literatur

Hagemann, Jörg (2003) Lesediagnose auf der Grundlage von Transkripten. In: DeutschDidaktik 15/03, 33-45
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