Haende Math. Fachdidaktik: ausländische Kinder (Lörcher 1981)


Problemlage

  • beängstigend hohe Mißerfolgsquote ausl. Kinder - Mathematik scheinbar unbegründet, da Ziffern und geometrische Symbole überall gleich aussehen, d.h. sprachunabhängig sind; allerdings:
  • Verständnis math. Symbole kommt nur durch sprachliche Vermittlung zustande; gerade Erklängsfähigkeit des Lehrers wichtig, um Sprache als Hilfsmittel einsetzen zu können
  • Seit der Modernisierung hat sich der Fachwortschatz in beängstigender Weise vermehrt - Mathematik muß auf weiten Strecken wie eine Fremdsprache gelernt werden.
  • Ungeklärt die Probleme, die sich aus der Automatisierung ergeben:
    • lernen von Zahlwörtern zu Zahlzeichen und umgekehrt
    • lernen und beherrschen der "1+1"- und "1x1"-Kombinationen: wie verhalten sich die beiden Sprachen?
  • in der Umgangssprache genügen oft Umschreibungen - im Math-U. dagegen kann nur beinahe sichere Begriffskenntnis Blockaden bei Begriffen oder Zeichen verursachen:
    - ähnlich aussehende, z.B. Größer- Kleinerzeichen
    - paarweise auftretende: Minuend-Subtrahend, Vorgänger-Nachfolger, …
    - verschiedene Bedeutung je nach Sachverhalt: 'von' wieviel Prozent sind 10 von 50 - wieviel sind 10 Prozent von 50?
  • ausl. Kinder leiden mehr unter didaktischen Fehlkonstruktionen, z.B. Pfeildiagramm: man muß den Trick erkennen, das Gegenteil von dem zu suchen, was auf dem Pfeil steht.
 

Untersuchung

  • Anfang 1980 empirische Untersuchung in 38 Hauptschulklassen des 5. Schuljahrs mit 930 Schülern, davon 20% ausländischer Herkunft
    Gründe für die Wahl der 5. Klasse: Resultate (erfolgloser) Grundschule & Fördermaßnahmen für erfolgreichen Hauptschulabschluß besonders wichtig
  • Sprachlicher Hintergrund: Türkei 67 - Jugoslawien 46 - Italien 42 - sonstige 31
  • Testaufgaben zu 6 Dimensionen: Zahlbegriff - Rechnen - Größenbegriff - Textaufgaben - Geometrie - Moderne Darstellungsformen/Relationen
 

Ergebnisse

  • Stoffliche Schwierigkeiten:
    • Zahlbegriff: Umgang mit dem Zahlenstrahl, sowie bei einfacheren Zahlwörtern (sechsundachtzig, elftausend)
    • Zeitrechnung: fehlende Technik zur Ermittlung von Uhrzeitdifferenzen
    • Textaufgaben: Erkennen der richtigen (geforderten) Operation, besonders Division
    • Geometrie: große Lücken in den Grundbegriffen (Dreieck, Rechteck, Quadrat, Symmetrie) und in den Grundtechniken (Strecken zeichnen)
    • Darstellungsformen der modernen Mathematik
  • Gemeinsam mit deutschen Kindern zusätzlich z.T. Probleme bei Divisionsaufgaben, Maßumwandlungen, bei Aufgaben, in denen Nullen vorkommen.
  • Nationalitätenvergleich der Kinder:
    • jugoslawische: die wenigsten Schwierigkeiten, fast wie deutsche
    • türkische: die größten Probleme
    • italienische: besondere Schwierigkeiten bei der Zahlvorstellung, bei der Division, der Zeitrechnung und im Verständnis geometrischer Begriffe
  • Anteil ausländischer Kinder spielt kaum eine Rolle
  • Faktorenanalyse, Leistung hängt ab von:
    • sprachlichem Verständnis
    • Begriffskenntnis
    • Rechenfertigkeit
 

Fehlertypen

  • Darstellungsbedingte Fehler
  • Fehlende Begriffskenntnis
  • Fehlendes Textverständnis: Zahlwörter, Schlüsselwörter bei Textaufgaben:
  • Abweichende Verfahren (gegenüber anderen Konventionen)
 

Förderung

  • Diagnose: möglichst zu Schuljahrsbeginn Ermittlung der Kenntnisse & Lücken (Diagnosematrix)
  • Förderung im Regelunterricht: möglichst oft individualisieren:
    • Auswahl spezieller Aufgaben für einzelne Schüler beim Kopfrechenen
    • Einsatz spezieller Arbeitsblätter zum Üben von Grundtechniken
    • Einsatz möglichst sprachfreier Übungsmittel & Selbstkontrolle
    • Einsatz fremdsprachiger Materialien, ausländische Mathematikbücher für Seiteneinsteiger
  • Förderung im Stützkurs:
    • ein Teil der Unterrichtszeit zur Lückenbeseitigung
    • ein Teil aktuelle Probleme des Mathematikunterrichts, Unterstützung bei Hausaufgaben usw.
       

Inhalte A

  • Konzentration auf Minimalziele
    • weitgehender Verzicht auf 'tote Äste', d.h. Stoffe, die später nicht mehr gebraucht werden (z.B. Mengenverknüpfungen, …)
    • Verzicht auf Darstellungsformen wie Pfeilbilder
    • Konzentration auf später notwendige Grundtechniken (v.a. Multiplikation, Division, …)
    • Chance auf Neuanfang durch möglichst voraussetzungslosen Zugang zu neuen Inhalten
    • Klärung von Grundbegriffen durch konkrete Beispiele und Gegenbeispiele (v.a. in Geometrie)
    • ausführliche Klärung außermathematischer Sachverhalte bei Sachaufgaben
    • spezielle Übungen zum Erkennen der Operationen bei Sachaufgaben

Inhalte B

  • Einsatz von Hilfsmitteln
    • sprachfreie Hilfsmittel zur Vertiefung math. Grundkenntnisse (LÜK-, Heinevetterübungsmittel)
    • Hilfsmittel zur Begriffsbildung: selbsthergestellte Puzzles oder Quartette (Zahlwort-Zahlzeichen, Bruch-Dezialbruch-Prozentangabe); bildliche Darstellungen (Bruch, geometrische Formen); Kaufhauskatalog zum Erkennen gemeinsamer Eigenschaften& Unterschieden zur Oberbegriffbildung
    • Hilfsmittel zur Förderung des Sprachverständnisses: Spiele zum Erfragen → Aneignung verschiedener Sprachmuster durch häufige Verwendung
    • fremdsprachige Hilfsmittel: ausländische Schulbücher zur Erweiterung vorhandener (Vor-)Kenntnisse bei Seiteneinsteigern und Aufhalten des Sprachverlusts bei hier geborenen Schülern

Literatur

Lörcher, Gustav (1981) Ausländische Kinder im Mathematikunterricht - Lernschwierigkeiten und Fördermaßnahmen. In: Sandfuchs, U. (Hg.) Lehren und Lernen mit Ausländerkindern. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 243-252